Premier Brown ordnete eine "Tiefenreinigung" der britischen Krankenhäuser an. Die medienwirksame Politikerinitiative kostete Dutzende von Millionen Pfund, war medizinisch nach Ansicht der Fachleute aber wirkungslos. "Jeder weiß, warum wir so hohe Infektionszahlen haben. Die Betten in den Krankensälen stehen zu nah beieinander, und die Bettenausnutzung ist mit praktisch 100 Prozent viel zu hoch. Bei 70 Prozent würden die Infektionen fast automatisch zurückgehen", erklärt Chirurg Lees.
Dann hebt er den Zeigefinger hoch. "Damit wir uns richtig verstehen. Ich bin ein großer Fan des NHS. Sie können hier die besten Gesundheitsleistungen der Welt haben." In seiner grünen Chirurgenmütze erzählt er stolz, wie vor ein paar Wochen eine Frau gerettet wurde, die eine massive Blutung hatte, die sie wohl nur in wenigen Gesundheitssystemen der Welt überlebt hätte. "Mitten in der Nacht waren 15 Fachleute im OP, um ihr Leben zu retten. "Chirurgen, Hämatologen, Anästhesisten, Pharmakologen. In solchen Fällen kann der NHS riesige Ressourcen in den Kampf werfen, wie das in einem Privatsystem nie möglich wäre. Aber es gibt eben eine Menge Krankenhäuser und Praxen, die nicht sehr gut sind. Das wissen die Patienten. Das wissen die Ärzte. Würde man den Patienten die freie Wahl lassen, würden diese Einrichtungen Bankrott gehen."
Eine solche Wahl aber gibt es nicht, auch wenn Politiker gerne davon reden. Noch wird der freie Brite, wenn er ein NHS-Gebäude betritt, zum Untertan. Im Mutterland des Neoliberalismus ist der NHS ein Staatsmonopolist mit 1,5 Millionen Mitarbeitern, der größte Arbeitgeber Europas, nur von der indischen Eisenbahn, der chinesischen Armee und Wal
-Mart in den Schatten gestellt. Jede Woche verschlingt das System zwei Milliarden Pfund, Geld, das per Kommandowirtschaft von Politikern und einem Heer von 40 000 Managern ausgegeben wird.
"Es ist ein System, das von Regeln und Schematisierung erstickt wird und Ärzte und Patienten zur Passivität erzieht", beschreibt der Londoner Arzt Helmut Ilg den NHS. Ilg ist einer von Hunderten Deutschen, die im NHS arbeiten und gut vergleichen können. Ein britischer "GP" oder Allgemeinarzt hat zehn Minuten pro Patient. Er verfährt meist nach einem Verfahren, das von der medizinischen Zentralbehörde NICE (National Institut for Clinical Excellence) vorgegeben wird. Zurzeit prüft NICE zum Beispiel, ob nicht automatisch alle Briten über 55 Jahre Statine, Cholesterinsenker, zur Verbesserung ihrer vaskulären Gesundheit schlucken sollten.
Gefragt und zugehört werde in britischen Sprechstunden eher wenig, meint Ilg. Am meisten vermisst er die Ebene gut ausgerüsteter Fachärzte - als Zwischenstufe zwischen dem GP als "Gatekeeper" und den Spezialisten in den Krankenhausfabriken. "Keine Praxis hat hier Ultraschall oder auch nur ein EKG-Gerät. Niemand macht kleine Chirurgie", klagt Ilg.
Deutsche Ärzte arbeiten gerne in Großbritannien, weil die Bezahlung ausgezeichnet ist. Aber wie die meisten seiner Kollegen würde auch Ilg "vermutlich lieber nach Deutschland gehen", wenn er krank würde. "Auf jeden Fall, wenn es etwas Unklares ist."
Labour hat die Finanzierung des NHS seit 2001 zwar verdoppelt. Aber die Produktivität ist nur um 50 Prozent gestiegen. Gravierende Unterkapazitäten, legendäre Wartezeiten wurden abgebaut. Aber viel von dem Geld hat sich verflüchtigt. Als Lees und weitere seiner Kollegen merkten, wie "oben immer mehr Geld hineingepumpt wurde und unten die Geldnot immer akuter wurde", gründeten sie die Gruppe "Doctors for Reform". "Wir merkten, dass wir als Ärzte überhaupt kein Mitspracherecht hatten", sagt Lees.
Statt den klapprigen Motor NHS von Grund auf zu überholen, hat Labour einfach Gas gegeben. Der Think-Tank "Reform", dem Lees' Gruppe angeschlossen ist, glaubt, dass je ehrgeiziger die von der Regierung gesetzten Ziele sind, desto größer die Effizienzverluste werden. "Management des Niedergangs" nennt eine Studie das Szenario, bei dem mit steigenden Kosten von elf bis zwölf Prozent des Bruttoinlandprodukts unterdurchschnittliche Qualität und Zugänglichkeit erzielt werden.


