Der EU-Jargon treibt immer tollere Blüten – Nicht einmal Prodi redet Klartext
Der Turmbau zu Brüssel

Brüssel ist nicht Babylon. Zwar hört man in der EU-Kommission neuerdings auch tschechische oder polnische Töne. Doch das Sprachengewirr, das mancher nach der Erweiterung am 1. Mai fürchtete, ist ausgeblieben. Die meisten neuen Kommissare aus Ost- und Südeuropa sprechen fließend Englisch, einige drücken sich sogar in der Sprache Molières aus. In der auf 30 Köpfe angewachsenen Behörde gibt es also kaum Verständigungsprobleme.

BRÜSSEL. Umso schlechter ist es um die Kommunikation mit der Außenwelt bestellt. Seit jeher funkt das „Raumschiff Brüssel“ auf einer technokratisch verschlüsselten, dem Normalbürger kaum verständlichen Frequenz. Wer nun gehofft hatte, das würde sich mit der Erweiterung ändern, sieht sich getäuscht. Die selbst ernannte „Stimme Europas“ drückt sich in einem Fachchinesisch aus, das selbst leidgeprüften EU-Dolmetschern die Sprache verschlägt.

Besonders hoch im Kurs steht derzeit die „IGC“ – die Regierungskonferenz zur EU-Verfassung. Wer etwas auf sich hält, warnt vor dem „Quorum von 66 Prozent“, das eine Einigung auf der „Ei-Ji-Ci“ fast unmöglich machen könnte. Gemeint ist zwar bloß, dass die Außenminister um Stimmgewichte und Mehrheiten feilschen, wobei 66 Prozent eine mögliche Schwelle für Mehrheitsentscheidungen sind. Doch wer nicht im EU-Jargon redet, hat kaum eine Chance, sich Gehör zu verschaffen.

Freilich ändert sich dieser Jargon so schnell, dass selbst Experten kaum noch mitkommen. So redete gestern „tout Bruxelles“ von einer neuen „Tie-Break“-Regel, die beim Mitspracherecht des Europaparlaments in Budgetfragen eingeführt werden könnte. Doch niemand wusste schlüssig zu erklären, was damit eigentlich gemeint ist. Rätsel gab auch Verbraucherkommissar David Byrne auf. Man dürfe das „Übergewicht nicht leicht nehmen“, teilte er hochoffiziell mit (IP/04/ 672). Doch was er gegen die galoppierende Fettsucht unternehmen will, ließ Byrne im Dunkeln. Nur eines stellte er absolut klar: „Die Menschen nehmen mit der Ernährung mehr Energie auf, als sie verbrauchen.“ Das hätte man sich freilich auch ohne EU denken können.

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