Der Fall Litwinenko
Moskau an der Themse

Der Mord am russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko stellt Scotland Yard und die britische Politik auf eine harte Probe. In dem Nuklear-Thriller gibt es immer neue Spuren und Theorien.

LONDON / MOSKAU. Die Sushi-Bar Itsu am Piccadilly 167 ist mit einer Holzplatte vernagelt. Nun wird hier umgebaut. „Nach Weihnachten werden wir wieder eröffnen und dem Lokal einen ganz neuen Look geben“, freut sich Manager Clive Schlee.

Nur wenige Spezialisten kannten den radioaktiven, hochgefährlichen Stoff Polonium 210, mit dem hier, so die Theorie der Polizei, der russische Ex-KGB Mann und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko und möglicherweise sein Kontaktmann Mario Scaramella vergiftet wurden. Hier nahm Scotland Yard am 23. November mit auf Alpha-Strahlung eingestellten Geigerzählern die Spur auf. Es war der Tag, an dem Litwinenko morgens um 9.21 Uhr nach qualvollem Leiden im Londoner University College Hospital (UCH) starb.

Vom Sterbebett aus schickte der ehemalige Spion letzte Grüße an den Mann, den er für seine Mörder hielt: den russischen Präsidenten Wladimir Putin: „Möge Gott Ihnen verzeihen, was Sie getan haben, nicht nur mir angetan, sondern unserem geliebten Russland und seinem Volk.“

Erst kurz vor seinem Tod fand man heraus, welches Gift die Eingeweide des Spions zerfraß. Labors des britischen Atomrüstungsinstituts Aldermaston identifizierten Polonium 210 in einer Urinprobe. Als Pathologen in Strahlenschutzanzügen am Freitag Litwinenkos Leichnam öffneten, fanden sie Polonium „im Wert von 20 Millionen Pfund“, 100-mal mehr als die tödliche Dosis.

Auch Scaramella, mit dem Litwinenko in der Sushi-Bar am Tisch saß, hält sich seit letztem Freitag im UCH auf. In seinem Urin war eine „signifikante Menge“ Polonium. Es gehe ihm gut, versichert das Krankenhaus. Andere sagen brutal: „Seine Überlebenschancen sind null.“

Die radioaktive Spur, ungefährlich für die Öffentlichkeit, wie die Behörden versichern, führte die Fahnder tief in die undurchdringliche Welt von „Moskau an der Themse“: In die Büros superreicher Oligarchen, in Luxushotels, in denen sich Ex-KGB-Agenten und Putin-Kritiker zu ihren Geschäften treffen. Und in die bescheidene Neubausiedlung am Osier Crescent in Nordlondon, wo Exilant Litwinenko sein neues Leben begann.

„Besser als Spuren im Schnee. Vielleicht hofften sie, dass ihr Verbrechen nie entdeckt würde“, sagte Sicherheitsanalyst Crispin Black über die radioaktive Spur. „Wir werden die Spur verfolgen, wohin sie auch führt“, versicherte Premier Tony Blair den Briten. Im Kabinett klang es jedoch sorgenvoller: „Unsere langfristige Beziehung mit Russland ist jetzt die wichtigste Frage“, soll Blair gesagt haben.

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