Der Freiheitsheld feiert seinen 90. Geburtstag
Mandela feiert, Südafrika strauchelt

Es gibt Dutzende von Anekdoten über Südafrikas großen Versöhner Nelson Mandela, der jetzt seinen 90. Geburtstag feiert: Über seinen außergewöhnlichen Sinn für Humor, über seine Demut – vor allem aber über seinen Respekt für die einfachen Menschen und seine Liebe zum eigenen Land. Doch Mandelas Erbe ist bedroht.

KAPSTADT. Jean du Plessis wird den 12. September 1995 nie vergessen. Damals machte Bundeskanzler Helmut Kohl dem ersten schwarzen Präsidenten des früheren Apartheidstaates Südafrika seine Aufwartung. Als Kohl zusammen mit Nelson Mandela von einem kurzem Gang durch den Garten in den Amtssitz des Staatschefs zurückkehrte, erkannte Du Plessis seine Chance: Er baute sich vor den beiden Politikern auf und schoss, langsam rückwärts gehend, eine Reihe von Fotos. Dabei übersah er leider den kleinen Springbrunnen und stürzte in das Bassin. Während Kohl rasch abdrehte, eilte Mandela dem Pechvogel zur Hilfe. „Noch Jahre später“, erinnert sich Du Plessis, „stellte er mich Besuchern als seinen privaten Poolfotografen vor.“ Auch bei Staatsbesuchen erhielt Du Plessis auf Anweisung Mandelas fortan einen Platz in der ersten Reihe.

Es gibt Dutzende solcher Anekdoten über Südafrikas großen Versöhner, der jetzt seinen 90. Geburtstag feiert. Über seinen außergewöhnlichen Sinn für Humor, über seine Demut – vor allem aber über seinen Respekt für die einfachen Menschen. Kaum etwas dürfte das Wesen Mandelas jedoch besser beschreiben als die Szene an einem klaren Wintertag im Juli 1995 in Orania, einer kleinen Siedlung am Oranjefluss, die burische Fundamentalisten zur Keimzelle eines eigenen „Volkstaates“ erklärt hatten.

Betsy Verwoerd, die damals 94-jährige und inzwischen verstorbene Witwe von Hendrik Verwoerd, dem Architekten der Apartheid, müht sich verzweifelt, eine handschriftliche Erklärung zu verlesen. Vergebens kramt sie nach ihrer Brille. Mandela, damals schon Staatspräsident, beugt sich zu ihr herunter und souffliert ihr leise in Afrikaans: „Möge der Präsident die Einrichtung eines Volkstaates mit Wohlwollen erwägen. Möge er über die Zukunft der Buren mit Weisheit entscheiden.“

Vermutlich liegt genau in dieser menschlichen Größe das Geheimnis von Mandelas Charisma – und der Schlüssel dazu, dass er über alle Grenzen hinweg – bei Jung und Alt, Schwarz und Weiß, in Südafrika wie im Ausland – zum weithin bewunderten Zeitgenossen und in vielerlei Hinsicht zum Symbol für Frieden und Versöhnung geworden ist.

In Mandelas Vita findet sich kein Anhaltspunkt, warum ausgerechnet dieser Hüne und Hobbyboxer eines Tages zu einer Ausnahmegestalt des 20. Jahrhunderts werden sollte. Als Anwalt war er keine Größe. Als Chef der Befreiungsarmee des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) tendierte seine Wirkung gegen Null. Als Redner ist er hölzern. Selbst als Denker hat er wenig Originelles produziert, auch wenn seine Autobiographie weltweit zum Bestseller wurde. Wäre Mandela ein traditionsbewusster junger Mann gewesen, hätte er wohl sein Heimatdorf Qunu am Ostkap nie verlassen und wäre eines Tages – wie sein Vater – Häuptling der hier ansässigen Tembu geworden. Stattdessen rebellierte er gegen die Stammessitten, eine arrangierte Heirat – und schließlich auch das Apartheidsystem der weißen Machthaber.

Mandela war gerade zehn, als sein Vater starb und er aus der Missionsschule von Qunu zum königlichen Sitz der Tembu kam, wo ihn sein Onkel, Häuptling Jongtintaba, unter seine Fittiche nahm. Auf den Zusammenkünften unter Jongtintabas Vorsitz lernte Mandela früh, dass ein Führer nicht einfach Entscheidungen fällt, sondern diese formt. Mit 19 wechselte der spätere Friedensnobelpreisträger auf das schwarze Elite-College Healdtown, eine Art afrikanisches Oxford. „Unser Vorbild war der gebildete britische Gentleman“, schreibt Mandela in seiner Autobiographie, „wir strebten danach, schwarze Engländer zu werden.“

Mandelas Südafrika in der Krise

Gerade seine etwas altmodische Art und die tadellosen Manieren waren es, die Mandela die Bewunderung der Welt verschafften: Etwa die Bescheidenheit, sich als bloße Galionsfigur zu sehen und deshalb auch, ganz anders als Simbabwes Diktator Robert Mugabe, nie der Versuchung der Macht zu erliegen. Oder die fast übermenschliche Größe, nach 27 Jahren Haft keinen Gedanken an Bitterkeit und Revanchismus zu verschwenden.

Vielleicht zum letzten Mal ehrt Südafrika nun seinen großen Freiheitshelden, nicht mit einer großen Party, wie zuletzt in London, sondern mit einer neuen Fünf-Rand-Münze und zwei Briefmarken. Aber irgendwie ist die Stimmung gedrückt. Die Progrome schwarzer Südafrikaner an schwarzen Zuwanderern im Mai und die Wirtschaftskrise zeigen, wie zerbrechlich Mandelas Traum ist.

Nicht wenige drängen den Ex-Präsidenten, der sich aus der aktiven Politik zurückgezogen hat, deshalb, sein Schweigen zu brechen. Doch Mandela bleibt stumm. „Sie sollten ihn lassen“, meint der angesehene Kommentator Barney Mthombothi. Mandela habe sein Werk verrichtet. „Es ist an der Zeit, dass Südafrika und seine Menschen endlich ihren Part spielen. Denn einen wie Mandela“, sagt Mthombothi, „den wird es nie wieder geben.“

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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