Der Irak auf der Suche nache einem Profil
Abnabelung von der Supermacht

Nach der vorgezogenen Machtübergabe im Irak richten sich alle Augen auf zwei Politiker, die das Gesicht der neuen irakischen Führung prägen: den schiitischen Premierminister Ijad Allawi und Präsident Ghasi el Jawar, einen Sunniten. Ob die Machtverteilung zwischen beiden allerdings tatsächlich so eindeutig sein wird, wie dies formal zu sein scheint – der Premier als starker Mann, der Präsident für die Repräsentation –, bleibt abzuwarten.

BERLIN. Zu unterschiedlich sind beide von Herkunft, Hintergrund und Akzeptanz in der Bevölkerung. Und zu begrenzt ist die Zeitspanne, in der sich ein Geben und Nehmen in der Regierungsarbeit einpendeln könnte.

Denn bleibt es bei dem Irak-Fahrplan, dann sollen spätestens im Januar 2005 Wahlen abgehalten und soll ein Parlament bestimmt werden. Die Amtszeit der Übergangsregierung wäre dann bereits in sieben Monaten wieder vorbei.

Noch schwerer als das interne Machtgefüge dürfte jedoch die Frage wiegen, welchen faktischen Handlungsspielraum die irakische Regierung überhaupt haben wird. „Wenn die amerikanische Zivilverwaltung CPA mehr oder weniger in die neue US-Botschaft in Bagdad übergehen sollte, dann wird man abwarten müssen, wie das in der Praxis aussieht“, sagt Christian-Peter Hanelt, Nahost-Experte der Bertelsmann-Stiftung.

Viel wird deshalb davon abhängen, wie stark die Regierung ein eigenständiges Profil entwickeln wird. Nominell hat der 58-jährige Allawi als Premier und Chef eines mehr als 30-köpfigen Kabinetts die größeren Möglichkeiten, den Kurs des Iraks zu bestimmen. Allerdings muss er auch auf die Balance der Regierung achten, der 16 Schiiten, zehn Sunniten, acht Kurden sowie jeweils ein Turkmene und ein Christ angehören. Das alleine schon wird ihn zu zahlreichen Kompromissen zwingen. Mehr noch aber könnte dem gebürtigen Bagdader seine Vergangenheit schaden. Denn Allawi gilt als Mann der USA, der sich hervorragender Kontakte zur CIA und dem amerikanischen Außenministerium rühmen kann.

„Er ist auf den Bajonetten der Besatzungsmächte gekommen und versucht jetzt, seine Machtbasis zu verbreitern“, sagt Udo Steinbach, Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, über Allawi. Doch ob ihm dies so schnell gelingt, ist fraglich. Allawi kehrte im Vorjahr als Chef der Irakischen Nationalen Eintracht (INA), einer irakischen Exil- Bewegung, nach Bagdad zurück. „Ihm fehlt deshalb die Verwurzelung in den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Strukturen des Landes“, sagt Steinbach. „Das ist sein hauptsächliches Handicap.“

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