Der Irak-Krieg wird zur TV-Serie: Millionenquote für die erste Folge von „Over There“
Feuerball bis zum Horizont

Es ist Nacht über dem Irak. Amerikanische Soldaten haben eine Straßensperre errichtet. Plötzlich werden sie von Scheinwerfern geblendet, ein Auto kommt angefahren. Zwei GIs feuern Warnschüsse ab, und als der Wagen nicht anhält, durchsieben sie Fenster, Türen und Reifen. In ihren Gesichtern spiegeln sich Stress, Angst, Panik.

HB WASHINGTON.In einer anderen Szene werden mehrere US-Laster mit einer Straßenbombe in die Luft gesprengt. Der Feuerball ist bis zum Horizont zu sehen. „Warum tun die Iraker das?“ fragt ein US-Soldat. Sein Kollege Tariq Nassiri, ein Amerikaner arabischer Abstammung, antwortet knochentrocken: „Es ist wie 1969 bei den Hippies, die von Woodstock gehört haben: Da kannst du nicht wegbleiben.“

Schockierende Bilder aus dem neuen amerikanischen TV-Drama „Over There“. Es ist die erste Fernsehserie, die einen Krieg als Unterhaltung anbietet, während die Kämpfe noch andauern. 4,1 Millionen Zuschauer haben die Start-Folge auf dem Kabel-Kanal FX gesehen, einer Tochterfirma von Fox. Damit liegt „Over There“ auf Platz 11 der 15 beliebtesten TV-Sendungen. Autor und Produzent ist Steven Bochco – ein alter Profi, der weiß, wie Quoten-Hits gestrickt sind. Den Vorwurf, er wolle mit seinem neuen Produkt die Öffentlichkeit gegen den Irak-Krieg aufhetzen, weist Bochco von sich. Er setze auf „starke, menschliche Dramatik“, betont er. „Ein Mann, der im Kampf beschossen wird, hat absolut kein Interesse an Politik.“

Bochco glorifiziert nicht, er beschreibt. Da ist der Texaner Bo Rider, ein Football-As, der zur Armee geht, um sich ein Universitätsstipendium zu sichern. Oder der zähe Karriere-Offizier, den sie „Scream“ (Schreihals) nennen – und der dennoch wütend wird, als er 90 Tage länger im Irak bleiben muss als vorgesehen. Oder die Rekrutin Brenda Mitchell, die sich an dem Leid eines Kriegsgefangenen ergötzt. Bochco kehrt nichts unter den Teppich, er zoomt sich ganz nah an die grausame Realität des Krieges ran. Es geht um Zweifel, Verrat, Mord und Folter – auf beiden Seiten. Tabus kennt Bochco nicht. Er schildert den Drogenmissbrauch in der Truppe ebenso wie den Ehebruch der Frau eines Frontsoldaten.

Das ist harter Stoff für eine Nation, die dem Irak-Krieg zunehmend skeptisch gegenübersteht. In den Chaträumen im Internet reden sich die Amerikaner derzeit die Köpfe heiß. „Es ist verdammt früh für eine solche Fernsehshow“, schimpft ein Teilnehmer mit dem Webnamen „Partamian“. „David Nelson“ stimmt zu: „Das ist ein Stück Müll aus Hollywood.“ Dagegen lobt „raptor“: „Das ist kein Zuckerguss, sondern Realität pur.“

Auch in den Zeitungen gibt es gepfefferte Pros und Kontras. So wettert der „Houston Chronicle“, der Sender wolle nur „vom Horror eines andauernden Krieges profitieren“. Die „New York Times“ nennt die Serie hingegen „eine ganz brutale Destillation aus Nachrichten, alten Kriegsfilmen und Fernsehshows“. Das könnte die Nation aufrütteln: „Denn bisher hat der Irak-Konflikt trotz des Verlustes an Menschenleben und der Milliarden-Kosten die meisten Amerikaner erstaunlich wenig berührt.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%