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Der Krieg in Mali: „Bitte vergesst uns nicht“

Montreuil bei Paris ist ein Stück Afrika auf französischem Boden. Dort hoffen Tausende Malier auf den Erfolg der französischen Militäroperation – und darauf, dass die Hilfe nach dem Krieg nicht endet.

Rund 10.000 Malier leben in Montreuil bei Paris. Quelle: AFP
Rund 10.000 Malier leben in Montreuil bei Paris. Quelle: AFP

ParisTäglich gehen von hier große Plastikbehälter ab nach Mali. Sie sind mit allem gefüllt, was so gebraucht wird: vor allem mit Medikamenten. Hier spielen die 200.000 Flüchtlinge, spielt der Krieg in Mali eine ganz andere Rolle als im Rest von Frankreich. Denn für die Menschen ist das keine weit entfernte, fast abstrakte Militäroperation, sondern ein Krieg in der Heimat. Nicht umsonst trägt Montreuil, ein Vorort von Paris, den Spitznamen „zweitgrößte Stadt von Mali“. Zwar geben die Zahlen das nicht ganz her, doch die rund 10.000 Malier sind im Stadtbild sehr präsent. Seit den 60er-Jahren haben sich Tausende von ihnen in Frankreich niedergelassen.

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Für die Malier war die Eroberung des Nordens ihres Landes durch die Islamisten ein Schock. Sie sind einen Islam gewöhnt, der zwar Polygamie kennt, aber keine Verschleierung von Frauen, ihre Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben oder gar Auspeitschungen. Wohl deshalb sind auch in Frankreich die Frauen aus Mali besonders engagiert, was die französische Intervention angeht.

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Bei einem Treffen von Malierinnen mit Bürgermeisterin Dominique Voynet und mit Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem, die auch Ministerin für die Rechte der Frauen ist, melden sie sich in einem prall gefüllten Saal eines Frauenzentrums selbstbewusst zu Wort.

Kritik an Frankreich, Zweifel oder gar der Verdacht, Paris verfolge eine eigene Agenda, sind nicht zu hören. „Wir sind glücklich über das Eingreifen von Frankreich,“ sagt Miamoi Diara, die wie alle Anwesenden Familie in der früheren französischen Kolonie hat. Wenn jemand behaupte, das sei „ein neuer Kolonialkrieg, kann ich nur feststellen: Die Renaissance von Mali wäre ohne diese Intervention nicht möglich.“

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Moulibali Ramata, die erst seit kurzem in Montreuil lebt legt nach: „Unser Land ist vor einem Jahr von Fremden aus Algerien, Libyen, Pakistan und anderen Ländern angegriffen worden, ich komme aus Gao, dort haben sie alles geplündert – Krankenhäuser, Schulen, Apotheken.“

Neben dem Hass auf die Gotteskrieger, die sie als „Terroristen, denen die Religion völlig egal ist“ sehen, so eine andere Teilnehmerin, und dem Dank an Frankreich berührt die Frauen vor allem eine Frage: „Was kommt nach dem Krieg, wie bauen wir das Land wieder auf? Bitte vergesst uns nicht!“ ruft Awwa Kumara von der Vereinigung der Malierinnen in Montreuil. Auch andere äußern die Furcht, dass „die Welt jetzt auf uns schaut, aber rasch ihr Interesse verliert.“

Die Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus bringt die Malierinnen auch dazu, ihre eigene Stellung in der malinesischen Gesellschaft offen zu debattieren. Als eine der Anwesenden sagt, die schlimmste Untat der Terroristen seien Vergewaltigungen gewesen, so etwas kenne man in Mali nicht, erntet sie heftigen Widerspruch: „Wir müssen endlich ehrlich sein und über die Gewalt reden, die unseren Körpern schon so lange angetan wird, im Namen der Tradition, der Rechte der Männer oder anderer Vorwände“, sagt eine ältere Frau, und eine junge pflichtet ihr bei: „Wir dürfen nicht einmal darüber reden, Sexualität wird tabuisiert.“

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Die Frauen scheinen die Befreiung von den Terroristen auch als Möglichkeit zur Selbstbefreiung zu sehen und wollen sich diese Chance nicht entgehen lassen. Bürgermeisterin Voynet und Ministerin Vallaud-Belkacem, deren Eltern aus Marokko stammen, diskutieren fast zwei Stunden mit ihnen. Die Malierinnen, von denen nur wenige traditionell gekleidet sind, sind glücklich über diese Gelegenheit, bei der sie auch soziale Anliegen in Frankreich zur Sprache bringen: „Damit die Malierinnen in Frankreich richtig Fuß fassen können, sollte der Staat ihnen eine sechsmonatige Ausbildung mit Arbeitslosengeld ermöglichen,“ fordert Diara. Distanz oder gar Scheu gegenüber den Politikerinnen bemerkt man nicht bei diesem Treffen, an dessen Ende Vallaud-Belkacem verpricht: „Die Militäroperation Serval ist keine One-Shot-Angelegenheit, sie kann uns viel weiter bringen in der Solidarität, als es vorher der Fall war.“

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Für Voynet ist der Krieg eine besondere Herausforderung. Sie hat im März 2008 die Wahl gegen die Kommunisten gewonnen, die Montreuil Jahrzehnte lang regiert haben. „Für deren Schulden zahlen wir noch heute“, sagt sie mit einem Anflug von Sarkasmus. Wegen des hohen Anteils der Malier an der Bevölkerung von Montreuil, von denen viele auch die französische Staatsbürgerschaft haben, spielt der Krieg hier eine ganz andere Rolle als im Rest von Frankreich, wo er eine weit entfernte, fast abstrakte Militäroperation ist.

Soldaten in Mali. Quelle: Reuters
Soldaten in Mali. Quelle: Reuters

Selbst wenn die Malier schon lange in Frankreich leben, sind sie sehr eng mit der Heimat verbunden. Sie schicken nicht nur Medikamente. „ Mali ist auf die Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Geldüberweisungen aus der Diaspora sollen die zweitwichtigste Einnahmequelle des Landes sein. Doch die Beziehungen gehen weit über das rein Ökonomische hinaus. „Bei wichtigen Entscheidungen etwa in einer Familie werden oft die Ältesten in Mali befragt“, sagt Voynet. Sucht jemand einen Malier in Frankreich, wendet er sich an Leute in der Hauptstadt Bamako, die ziehen Informationen in einem der „foyers“ – Wohnheime –in Frankreich ein, die von Maliern bewohnt werden. „In Montreuil gibt es allein zehn, der bekannteste ist der Foyer Bara, der hat es sogar bis in einen Roman geschafft“, sagt Voynet: „Der Foyer Bara, das ist Afrika.“

Frankreich

Das Wohnheim wurde als Schlafstätte für Wanderarbeitnehmer Ende der 60er-Jahre in einer alten Fabrik eingerichtet, mit 60 Zimmern, in denen bis zu zehn Betten aufgestellt wurden. Für 400 bis 500 Bewohner geplant, wohnen heute ungefähr tausend Afrikaner dort. „Einige mit Berechtigungsschein und Papieren, andere nur mit Papieren und wieder andere auch ohne Papiere“, sagt Voynet lakonisch.

Tritt man durch das große Tor, öffnet sich wirklich eine andere Welt. Mit Frankreich hat das nicht mehr viel zu tun. Der enge Innenhof steht voller niedriger Tische, an denen vor allem Lebensmittel, Schokoriegel und Zigaretten aller erdenklichen Marken feilgeboten werden. Vom Erlös der Glimmstengel dürfte der französische Fiskus wenig haben.

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Das emsige Kommen und Gehen, der ständige Abtransport irgendwelcher Kisten und Säcke erinnern an einen Markt in einem Entwicklungsland. Doch unter der Oberfläche gibt es klare Strukturen. Man kann nicht einfach mit irgendjemand sprechen. „Fragen Sie bitte den da hinten, der mit der Fahne, der entscheidet das.“ Der Mann scheint eine Art Aufseher des Foyers zu sein, ist aber sehr aufgeschlossen: „OK, sie können in unser Café gehen und da reden, mit wem sie wollen.“

Das Café ist eine schmale Theke, die ein paar Treppen höher hinter einer Tür liegt. Ein paar Regale, eine ziemlich verkokelte Herdplatte, und eine große italienische Kaffeemaschine, die einen ordentlichen Espresso hergibt. Wir sprechen den ersten besten der Anwesenden an. „Keine Fotos“, das ist die einzige Bedingung, reden will er gerne. Er nennt sich Suleiman, arbeitet bei den Pariser Verkehrsbetrieben, lebt im Foyer Bara und spricht in druckreifen Sätzen. „Die Terroristen nennen sich Muslime, aber ihre Intoleranz hat mit unserer Religion nichts zu tun. Wir haben stets in Harmonie mit anderen Religionen gelebt.“

Er stellt fest, dass die Gruppen, die seit einem Jahr im Norden des Landes aktiv sind, „nicht vom Himmel gefallen“ seien. „Diese Leute haben beeindruckende Mittel zur Verfügung, nicht nur aus Schmuggel und Drogenhandel, sie erhalten auch Geld aus den Golfstaaten, aus Katar.“ Die Dschihadisten hätten auch Kinder entführt und gezwungen, sich ihnen anzuschließen. Mali habe lange gehofft auf eine Intervention von außen, weil das eigene Militär zu schwach und desorganisiert sei. „Gott sei Dank sind die Franzosen gekommen, ich hoffe, sie bleiben lange“.

Afrika

Die Wut auf die Araber sitzt tief bei meinem Gesprächspartner: „Wir sollten jede Kooperation mit ihnen beenden.“ Hat er keine Angst davor, dass der Krieg gegen die Terroristen auch unschuldige Opfer treffen kann? „Wir haben alle Verwandte dort, wir sind alle in Sorge, denn es gibt keinen sauberen Krieg.“ Dennoch zweifele er nicht am Sinn der Intervention: „Wir müssen uns von den Terroristen befreien, und alleine sind wir zu schwach.“
Was die Zukunft seines Landes angeht, ist Suleiman optimistisch. Es werde keinen Bürgerkrieg mit den Tuareg geben, die anfangs teilweise die Terroristen unterstützt haben: „Das war eine Minderheit, die große Mehrheit denkt nicht so, und wir haben nichts gegen sie, schließlich waren sie bis vor kurzem auch an der Regierung beteiligt.“

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Mit diesem zuversichtlichen Ausblick verabschiedet er sich. Die Erwartungen an Frankreich sind hoch, in diesem Stück Afrika auf französischem Boden. In Montreuil bei Paris hoffen Tausende Malier auf den Erfolg der französischen Militäroperation – und darauf, dass die Hilfe nach dem Krieg nicht endet.

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  • 29.01.2013, 13:39 Uhrcatweezle

    @ Eule: Frankreich ist halt eine grand nation, und in Mali liegt Uran zum Füttern der AKW ohne die, die Atombombennation kaum denkbar wäre. (Vorsicht kann Ironie enthalten)

  • 29.01.2013, 12:31 UhrEule

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • 29.01.2013, 11:39 UhrOmarius

    wäre das net ne idee das die ihre heimat aufbaun

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