Der Mittelfinger des griechischen Finanzministers
Varoufakis' Wortklauberei

Bei Günther Jauch hat Yanis Varoufakis vehement bestritten, bei einem Vortrag den Mittelfinger gezeigt zu haben. Nun streitet der Grieche via Twitter die obszöne Geste nicht mehr ab – fühlt sich aber ungerecht behandelt.
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DüsseldorfEr hat sich überrumpelt gefühlt. Von Günther Jauch und dessen Redaktion. In ihrer Live-Sendung hatten sie Yanis Varoufakis mit einem Video von 2013 konfrontiert, auf dem zu sehen ist, wie der heutige Finanzminister Griechenlands den Mittelfinger zeigt. Die obszöne Geste gelte Deutschland, heißt es. Was folgt ist ein promptes Dementi: An diesem Video sei herumgedoktert worden. Manipulation. Mit diesem Vorwurf endet der Sonntag.

Doch die ARD hält das Video für echt und auch derjenige, der 2013 die Kamera gehalten hat, behauptet, das Material nicht verändert zu haben. Varoufakis gerät in Erklärungsnot. In Deutschland stellen immer mehr Politiker seine Glaubwürdigkeit infrage. Das Thema geht in der Tagesaktualität nicht unter – befeuert eher die deutsch-griechischen Zwistigkeiten.

In der Nacht zu Dienstag folgt ein Erklärungsversuch des griechischen Finanzministers. Via Twitter verbreitet er ein Video, das „undoctored“, also unverändert sein soll. Es ist die komplette Aufnahme seines 2013 gehaltenen Vortrags. In dem knapp eine Stunde langen Video taucht auch der nach oben gereckte Mittelfinger auf, zu sehen bei 40:30.

„Ist jemand an der Wahrheit interessiert?“, fragt der Minister dabei und schreibt weiter: „Und hier ist das nicht von skrupellosen Medien verfälschte Video.“ Allerdings: Es sind die selben Ausschnitte, die schon seit Sonntagabend im Netz kursieren und diskutiert werden. Und da stand noch Varoufakis’ Vorwurf einer Videomontage im Raum.

Der Finger wurde also nicht in das Video montiert, nur der Kontext, in dem er in die Höhe schnellte, sei ein anderer gewesen, als Jauch und die ARD suggeriert hätten. Unterstützung bekommt Varoufakis von Srecko Horvat, auf dessen Veranstaltung der Vortrag 2013 gehalten wurde. „Varoufakis reckte nicht ‚den Mittelfinger gegen die Deutschen‘. Bei dieser Präsentation in Zagreb sprach Varoufakis über eine Zeit, über den Mai 2010, als Griechenland den deutschen Steuerzahlern noch keinen einzigen Euro schuldete“, sagt Horvat in einem Interview mit der FAZ.

„Sein Argument lautete, Griechenland hätte damals gegenüber den privaten Gläubigern in Konkurs gehen sollen, statt sich von den europäischen Partnern einen riesigen Kredit geben zu lassen. Der Finger wurde also aus dem Zusammenhang gerissen und absichtlich so interpretiert, als hätte sich der griechische Finanzminister gegen die Rückzahlung der Schulden an Deutschland ausgesprochen und Deutschland den Finger gezeigt.“

Nach der Sendung am Sonntagabend hatte NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz auf Twitter eingeräumt, dass man in der Sendung deutlicher hätte hervorheben müssen, dass sich Varoufakis bei seinem Vortrag am 15. Mai 2013 auf die Situation in Griechenland im Jahr 2010 bezog.

Die Reaktionen auf Varoufakis’ Verteidigung via Twitter fallen sehr unterschiedlich aus. Während ein Follower den Finanzminister ermutigt, doch endlich die EU zum explodieren zu bringen, wundern sich andere, warum Varoufakis zunächst so eisern an dem Manipulations-Vorwurf festgehalten habe.

Kommentare zu " Der Mittelfinger des griechischen Finanzministers : Varoufakis' Wortklauberei"

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  • Varoufakis lügt in der Sache - nicht mehr und nicht weniger.

  • Wenn man sich über solche Gesten so echauffieren muss, tut es mir für die vielen(!) Journalisten leid, die scheinbar nur auf diesem Niveau ihre Leistung an den Konsumenten bringen. Aus meiner Sicht war die äussere Situation für Varoufakis bei Jauchs Talk technisch wirklich sehr schwierig! Ich hätte mir gewünscht wenn hier der "Moderator" eingegriffen hätte, um eine Brücke zu bauen! Dass Hr. Varoufakis jetzt stur reagiert ist natürlich schade! An seiner Stelle wenn er sich 100% sicher gewesen wäre , hätte ich die Kamera ausschalten lassen und das wäre es gewesen! In diesem Zusammenhang möchte ich erhebliche Kritik bei Talkrunden mit "Einspielern" üben, insbes. HARTaberFair (HaHa - wo ist man da fair?) wo dies auf eine unakzeptable Spitze getrieben wird! Fast hat man den Eindruck, je mehr Personen zur Mässigung aufrufen, um so mehr haben "diese Journalisten" Spass den Finger inder Wunde zu drehen. Insbes. durch subtile "Verschieber" der zeitlichen Platzierung vor dem nächsten "nachäffen", sodass immer wieder neues Öel im Feuer der Auseinandersetzung bereit gestellt ist. Ich bitte deshalb die "Kommunikationsbeteiligten" inkl. Journalisten den Kombatanten die Chance zu geben, den Ton und die Form der Auseinandersetzung auf ein "europäisches" Mass zurück zu führen. Herzlichen Dank!

  • Für mich ist es erschreckend, dass bei uns inzwischen Medienpolitik gleich Regierungspolitik ist (Ausnahmen bestätigen die Regel), von investigativen Journalismus keine Spur mehr, wenn es darum geht politische Gegner "nieder zu machen". Und wie jetzt sichtbar auch ausländische. Dabei spielt auch keine Rolle, in welchem Zusammenhang diese Deutung auf diesem Video (2010!) zu sehen ist. Das ist genau so daneben, wie die Erinnerung eines griechischen Regierungsmitglieds an die "Gedächtnislücke" von Herrn Schäuble bei der damaligen Parteispendenaffäre, bei der Ihm eine Spende von
    100.000 DM "entfallen" war.

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