Der neue britische Oppositionsführer Michael Howard präsentiert sein Schattenkabinett
„Dracula“ macht mobil gegen die Labour-Partei

Eine neue Mannschaft, ein neuer Parteichef und eine kräftige Finanzspritze – nie seit dem Sturz Margaret Thatchers durften die britischen Tories so zuversichtlich in die Zukunft blicken wie augenblicklich. Zwar liegen sie nach der jüngsten, von der „Times“ veröffentlichten Meinungsumfrage weiter sechs Prozentpunkte hinter Labour.

mth LONDON. Aber die politischen Karten werden neu gemischt. Die Regierungspartei scheint bis hinauf in die Führungsspitze zerstritten, der Reformkurs hat trotz der Milliarden, die Schatzkanzler Gordon Brown ausgibt, bisher wenig greifbare Früchte gebracht.

Als wollte er den Tories zu Hilfe kommen, kritisierte der britische Unternehmerverband CBI gestern Ineffizienz und Verschwendung in den öffentlichen Diensten, die Labour dramatisch ausgeweitet hatte: Allein in diesem Jahr würden so 7,5 Milliarden Pfund verschwendet, sagte CBI-Chef Digby Jones.

Finanziell wurde die Auferstehung der Konservativen gestern durch eine Spende über zwei Millionen Pfund des ehemaligen Parteischatzmeisters Lord Ashcroft belohnt. „Michael Howard hat alles, was es braucht, um den Kampf mit Labour aufzunehmen“, lobte der Hauptaktionär der in Belize inkorporierten Carlisle Holdings den neuen britischen Oppositionschef.

Auch der wichtigste Tory-Geldgeber, der Wettbürounternehmer Stuart Wheeler (IG Group), der vor zwei Jahren fünf Millionen Pfund auf einen Streich gegeben hatte, signalisierte wieder Spendenfreude. Vor zwei Wochen hatte er mit der Androhung, die Tories künftig nicht mehr zu bedenken, die Jagd auf Howards Vorgänger Iain Duncan Smith eröffnet.

Nun stellte der neue Parteichef ein Schattenkabinett vor, das keineswegs das „alte Thatcher-Team aufleben lässt“, wie Labour höhnte. Diese Kritik bezog sich auf die Ernennung von Lord Maurice Saatchi – dem Begründer der Werbeagentur und Bruder des Kunstsammlers – zum zweiten Generalsekretär neben Liam Fox. Saatchi half 1979 mit seinen Werbeplakaten, Thatcher an die Macht zu bringen. Nun soll er die gefürchtete Parteimaschine der Tories wieder flott machen.

Howard präsentierte ein kleines Team, das ganz im Sinne der alten „All-Nation“-Tradition die verschiedenen Flügel der Koalition zusammenbringt. Dazu gehören Liberale wie der neue Schattenschatzkanzler Oliver Letwin oder der Sprecher für die Reformressorts Gesundheit und Erziehung, Tim Yeo, der europhile David Curry als Verfassungsminister und der Rechte David Davis, der durch seinen Verzicht Howards Weg an die Spitze der Konservativen erst ermöglichte.

In einem weiteren Schachzug will Howard alte Parteiprominenz von Ex-Premier John Major bis zum Wortführer der Pro-Europäer, Ken Clarke, in einem „Ältestenrat“ hinter sich scharen. Die Streitfrage Europa ist entschärft: Labour nahm die Euro-Einführung selbst von der Tagesordnung. Im Übrigen können sich die Konservativen europapolitisch auf die Forderung nach einem Referendum über die geplante EU-Verfassung einigen.

Howards schwerste Aufgabe wird sein, das Image der Tories als Partei der sozialen Härte umzudrehen. Dabei muss er bei sich selber anfangen. Seit seiner Zeit als besonders scharfer Innenminister trägt der Sohn jüdischer Rumänen, die vor den Nationalsozialisten flohen, den Spitznamen „Dracula“.

Quelle: Handelsblatt

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