Der neue Chef sieht sich nicht als Gehilfe der US-Außenpolitik
Weltbank macht Afrika zum Schwerpunkt

Der frisch gebackene Weltbank-Chef Paul Wolfowitz tut in diesen Tagen alles, um nicht als Demokratisierungs-Büttel von US-Präsident George W. Bush zu erscheinen. Das Armenhaus der Welt zwischen Kairo und Kapstadt werde zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit werden, stellte der Nachfolger von James Wolfensohn seinen Kritikern gegenüber klar.

WASHINGTON. „Ich bin völlig beratungsoffen und komme mit keiner politischen Agenda“, kündigte der frühere Pentagon-Vize kürzlich gegenüber den Exekutivdirektoren der Weltbank an. Und wie zur Bestätigung, dass er eben nicht Bushs entwicklungspolitischen Feuerwehrmann in Nahost spielen wolle, setzte er seine erste Auslandsreise für den 8. Juni nach Afrika an.

Insider in der Weltbank vermuten, dass sich der 61-Jährige für einen massiven Schuldenerlass der ärmsten afrikanischen Länder stark machen werde. Der britische Premierminister Tony Blair trommelt derzeit für eine derartige Entschuldungs-Initiative, die er bereits beim G8-Gipfel in Schottland Anfang Juli mit konkreten Finanzierungszusagen unterfüttern will. Die ärmsten Länder Afrikas stehen allerdings mit rund 80 Mrd. Dollar bei der Weltbank in der Kreide. „Wenn wir auf das Geld verzichten, haben wir langfristig ein Finanzierungsproblem“, warnt ein hochrangiges Mitglied der Bank.

Das Misstrauen, ob Wolfowitz am Ende nicht doch knallharte amerikanische Interessen vertritt, sitzt tief. Das gilt auch für den Umgang mit den ärmsten Ländern. Die US-Regierung drängt schon seit geraumer Zeit darauf, dass den Habenichtsen dieser Welt mit Zuschüssen unter die Arme gegriffen wird, die sie nicht zurückzahlen müssen. Kredite sollen eher die Ausnahme sein. Die Weltbank hatte sich bereits darauf geeinigt, dass 20 Prozent der Mittel für die Ärmsten aus Zuschüssen bestehen. In der Bank vermutet man jedoch, dass Wolfowitz künftig versuchen werde, den Prozentsatz weiter nach oben zu treiben. „Wenn der Anteil der Kredite vermindert wird, bricht unsere Basis für die Refinanzierung weg“, sorgt sich daher ein hochrangiger Mitarbeiter der Bank.

Zwar soll es auch nach dem Willen der Amerikaner weiterhin Darlehen für Länder mit mittlerem Einkommen („middle income countries“) geben. Da jedoch die Zinssätze denen auf dem Kapitalmarkt ähneln, befürchtet man bei der Weltbank, dass Staaten wie China oder Mexiko ihren Finanzbedarf eher bei Privatbanken stillen. Die Weltbank, die neben dem Geld auch eine umfassende Beratung anbietet, würde dann in die Röhre schauen. „An der Kredit-Frage hängt auf lange Sicht unsere Existenz“, betont ein Insider der Bank. Derzeit vergibt die größte internationale Organisation für Entwicklungshilfe Darlehen von rund 20 Mrd. Dollar pro Jahr.

Wolfowitz muss auch bei einem Dauerbrenner Position beziehen, der seit Jahrzehnten die Diskussion in der Weltbank bestimmt: Dabei geht es um die Frage, ob in armen Ländern eher kurzfristig das Wachstum angekurbelt oder langfristig das Bildungs- und Gesundheitssystem verbessert werden sollte. Eine interne Planungsabteilung der Weltbank hatte sich kürzlich für Infrastruktur-Projekte wie Staudämme oder Straßen stark gemacht. Derlei Maßnahmen wirken als Konjunkturspritzen und würden helfen, die Armut abzubauen. Vor allem in den 70er- und 80er-Jahren waren solche Vorhaben en vogue. Der Chefvolkswirt der Weltbank, François Bourguignon, hielt jedoch dagegen: „Die wachstumsorientierte Strategie mag für zwei, drei Jahre aufgehen. Aber wenn die menschliche und soziale Entwicklung nicht Schritt hält, werden die Wachstumsraten wieder in den Keller gehen.“

Mit Spannung wird in der Weltbank erwartet, welche personellen Veränderungen Wolfowitz vornehmen wird. Die europäischen Exekutivdirektoren hätten etwa gerne einen formellen Stellvertreter aus ihren Reihen – eine Stelle, die es bislang aber gar nicht gibt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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