International
Der neue Lula

Lula der Arbeiterführer als Präsident in Brasília - wir Auslandskorrespondenten freuten uns vor zwei Jahren bei seinem Amtsantritt auf offene Türen im Präsidentenpalast.

Die Führungsclique um den Vorgänger, den renommierten Soziologen Fernando Henrique Cardoso war weltgewandt und offen, aber eben auch arrogant gewesen. Unter Lula würde das alles anders. Immerhin kannten die meisten von uns Lula gut aus der langen Oppositionszeit, mit einigen war er befreundet. Dreimal hatte Lula versucht Präsident zu werden. Dreimal war er gescheitert und wieder in die Peripherie São Paulos zurück gekehrt. Wo die brasilianische Presse ihn sofort aus den Augen verlor. Die Auslandskorrespondenten dagegen trafen sich mit ihm öfters samstags in der versmogten Industrieperipherie bei Grillhähnchen, frittierter Polenta und eiskaltem Flaschenbier in seinem Lieblingsrestaurant.

Sie hielten konstanten Kontakt zu Lula. Das war schon in den siebziger und achtziger Jahren während der Diktatur so. Die Auslandspresse half mit, dass der damalige Gewerkschaftsführer und spätere Gründer der Arbeiterpartei von den regierenden Militärs nicht härter verfolgt wurde, als es schon geschah. Bei einem seiner zahlreichen Deutschlandbesuchen, welche die Friedrich-Ebert-Stiftung mit der IG Metall organisierte, interviewten Mitte der siebziger Jahre Handelsblatt-Redakteure den Gewerkschafter Lula in der Redaktion in Düsseldorf.

Lula war bekannt in Deutschland. Immerhin hatte er in Brasilien gegen Volkswagen und Mercedes zu Massendemos aufgerufen, die den Übergang zur Demokratie einleiteten. Bundeskanzler Helmut Schmidt wollte ihn sogar persönlich in Brasilien treffen - just, als er den brasilianisch-deutschen Atomvertrag unterzeichnete, was den Generälen wenig gefiel. Ähnliche Geschichten können die meisten Korrespondentenkollegen aus Europa und den USA erzählen.

Doch umso erstaunter waren wir, als sich mit dem Machtantritt abrupt die Beziehung Lulas mit den Medien änderte. Um die Sache kurz zu machen: Noch nie in den letzten zehn Jahren in Brasilien war die Kommunikation zwischen Regierung und den Auslandsmedien so blockiert wie unter Lula. Interviews mit Lula - gibt es nicht. Noch kein Korrespondent hat ein Interview mit Lula gemacht, nicht mal eine Pressekonferenz erlaubten der Sprecher und Kommunikationsminister. Auch einige Minister zieren sich so lange mit Interviews, bis einem nach 30, 40 Anrufen im Sekretariat die Lust auf ein Gespräch vergeht.

Überraschender noch: Statt nach den gängigen Regeln zu kooperieren, fährt die Regierung einen Contra-Kurs. Als die New York Times einen schwach recherchierten Bericht über Lulas angeblichen Alkoholismus veröffentlichte, sollte der Korrespondent des Landes verwiesen werden - statt souverän abzuwarten, bis die Vereinigungen der Auslandskorrespondenten das schwarze Schaf in ihren Reihen selbst in seine Grenzen gewiesen hätten. Lula zog die Ausweisung dann aber zurück, wegen der internationalen Protestwelle. Seitdem reagiert Lula aber gereizt auf Journalisten. "Die Presse stört ziemlich oft", sagte er vor kurzem.

Seine Minister empfehlen der Presse in Hintergrundgesprächen Wohlverhalten, sie sollten doch mal positiver über Lula und seine Regierung schreiben - dabei war die Berichterstattung im Ausland über die ersten zwei Jahre Lula allgemein wohlwollend. Traditionell lässt das Außenministerium die Berichte jedes Korrespondenten übersetzen und bewerten nach "positiv" oder "negativ" für das Land. Positiv und negativ - natürlich aus der Sicht der Beamten in Brasília und den Botschaften der Länder wo die Medien zuhause sind. Zeitweise veröffentlichte das Ministerium die Positiv-Negativ-Bilanzen für jedes einzelne Medium sogar im Internet. Jetzt nur noch die "relevanten" Artikel.

Doch warum schottet sich Lula so ab? Wir wissen es nicht. Brasilianische Kollegen sagen: Lula und seine Clique weiß, dass er im Einzelgespräch schnell mal eine Bemerkung macht, die ihm schädlich werden könnte. Lula ist als ehemaliger Gewerkschaftsführer gut als Redner vor Massen, im Schlagabtausch aber weniger überzeugend. Also lieber fern halten. Andere sagen, dass die stalinistisch-kubanisch geschulten Kontrollfreaks unter den Linken der Arbeiterpartei das Sagen haben: Das passt dazu, dass die Regierung auch eine Art Justizrat für Journalisten einrichten will, wo "falsche" oder "schlecht recherchierte" Bericht auf den Index kommen mit der Drohung für den Journalisten, die Arbeitserlaubnis zu verlieren. Einige denken, dass Lula sich seit Machtantritt an seiner Position als Sprecher der Dritten Welt berauscht hat und sich selbst in dieser Rolle in der Weltgeschichte erheblich überschätzt - dabei aber völlig übersieht, dass die Welt das noch nicht richtig mitbekommen hat.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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