Der Nobelpreisträger James Buchanan erklärt ökonomisch, warum Bürokratien wachsen und Eigennutz die Politik regiert
Politiker sind auch nur Unternehmer

US-Wirtschaftswissenschaftler James M. Buchanan untersuchte die Frage: Lassen sich nicht nur die Märkte, sondern auch Entscheidungsprozesse in unterschiedlichen politischen Systemen mit ökonomischen Kategorien beschreiben und analysieren? So wurde er zu einem der „Gründerväter“ einer neuen wissenschaftlichen Disziplin an der „Schwelle zwischen der Ökonomie und der politischen Wissenschaft“.

DÜSSELDORF. Bevor der Anruf aus Stockholm am Morgen um 6.32 Uhr kam, wollte der Frühaufsteher James M. Buchanan eigentlich durch das herbstliche Shenandoah Valley zu seinem Blockhaus fahren. Doch die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften brachte den Tagesablauf des Professors an der George Mason University völlig aus den Fugen. Sein Telefon läutete pausenlos, Fernsehteams bauten sich vor seinem Stadthaus auf, an Arbeit war nicht mehr zu denken.

Wieso interessierte sich die amerikanische Öffentlichkeit so für einen Wissenschaftler, der nach eigenen Worten „sehr, sehr tief im Elfenbeinturm“ forschte? James Buchanan wäre nicht James Buchanan, wenn er nicht gleich eine kleine Theorie über das große Medienecho auf seine Ehrung aufgestellt hätte: Sein Heim in Fairfax City lag nur eine halbe Autostunde vom Regierungsbezirk in Washington D.C. entfernt, so dass schnell Kameras zur Stelle waren. Und in der amerikanischen Politik war an diesem 16. Oktober 1986 überhaupt nichts los, so dass die Sender gierig nach einem Tagesthema suchten. Schon beim nächsten Wirtschaftsnobelpreisträger blieb der Rummel wieder aus.

Ohne seine kühle politische Beobachtungsgabe wäre wohl auch Buchanans wissenschaftliches Werk nicht denkbar gewesen. Seine geniale Idee: Lassen sich nicht nur die Märkte, sondern auch Entscheidungsprozesse in unterschiedlichen politischen Systemen mit ökonomischen Kategorien beschreiben und analysieren? Schon als junger Finanzwissenschaftler hatte sich der bodenständige „farm boy“ (Buchanan) aus Tennessee über die immer schnellere Aufblähung des amerikanischen Staatshaushalts gewundert: Wie kam es immer wieder zur gewaltigen Verschwendung öffentlicher Mittel im Interesse einzelner Lobbygruppen? Senatoren kämpften im Congress für Subventionen an die Industrien ihrer Heimatstaaten, um ihre Wiederwahlchancen zu maximieren. Ökonomisch gesehen, schlussfolgerte der junge Wissenschaftler, ein völlig rationales Verhalten wie bei einem auf Gewinnmaximierung orientierten Unternehmer – und machte sich daran, immer neue politische Subsysteme nach ökonomischen Gesetzen zu durchforsten.

Buchanan wurde so, wie es in der Begründung des Schwedischen Nobelpreiskomitees hieß, zu einem der „Gründerväter“ einer neuen wissenschaftlichen Disziplin an der „Schwelle zwischen der Ökonomie und der politischen Wissenschaft“. Die Ökonomen sprechen von der so genannten Public-Choice-Theorie: Ihren Modellen liegt die Idee zu Grunde, dass alle Akteure eines politischen Prozesses – vom Regierungschef bis zum kleinen Beamten – von einem starken Eigeninteresse getrieben werden. Wie Tausende von Vektoren in einem komplexen Kraftfeld lassen sich diese Interessen ökonomisch beschreiben und ihre Folgen wissenschaftlich prognostizieren. Zugleich entstehen damit neue Möglichkeiten, durch veränderte Anreize für unterschiedliche Interessengruppen gezielte politische Veränderungen zu erreichen.

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