5 Bewertungen ***
14.07.2008 
Frankreichs Nationalfeiertag

Der Schatten auf den Champs-Elysée

von Holger Alich

In diesem Jahr liegt ein Schatten über den Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag. Und dieser Schatten sitzt gleich drei Plätze weiter rechts neben Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy auf der Ehrentribüne. Sein Name: Baschar al-Assad, Syriens Präsident.

Nahm auf der Ehrentribüne Platz: Syriens Präsident Baschar al-Assad (mitte). Foto: ReutersLupe

Nahm auf der Ehrentribüne Platz: Syriens Präsident Baschar al-Assad (mitte). Foto: Reuters

PARIS. Langsam rollt der große, olivgrüne Geländewagen unter der strahlenden Sommersonne die Pracht-Meile Champs-Elysée herunter. Im Fonds des offenen Gefährts steht Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Er blickt ernst. Schließlich gibt er heute, bei der Parade zu Frankreichs Nationalfeiertag, den Armee-Chef.

Mit einer Hand grüßt er die Menschenmassen, die sich links und rechts hinter den metallenen Absperrgittern drängeln. Applaus brandet auf, als er vorbeifährt. Kurz nachdem Sarkozy seinen Platz auf der Ehrentribune eingenommen hat, beginnt das Spektakel: Neun Alphajets schießen im Tiefflug über den Champs-Elysée und sprühen die Nationalfarben blau-weiß-rot in den Pariser Himmel. Kein Wölkchen trübt die stolze Parade.

Und doch liegt in diesem Jahr ein Schatten über den Feierlichkeiten. Und dieser Schatten sitzt gleich drei Plätze weiter rechts neben Sarkozy auf der Ehrentribüne. Sein Name: Baschar al-Assad, Syriens Präsident.

Mit großem Pomp feierte Syriens Machthaber an diesem Wochenende die Rückkehr auf die weltpolitische Bühne beim Gipfel zur Gründung Mittelmeerunion in Paris. Assad zu dem politischen Großereignis einzuladen, gilt als riskantes, aber notwendiges Manöver Sarkozys, um neue Bewegung in den Nahost-Friedensprozess zu bekommen.

Doch zu Sarkozys Idee, den Diktator auch noch als Ehrengast bei der Parade zum 14. Juli zu empfangen, sagen viele Franzosen: Non, merci. Schließlich wird Syrien als Drahtzieher von Terror-Anschlägen im Libanon verdächtigt, dem auch Franzosen zum Opfer fielen. Sarkozys Vorgänger, Jacques Chirac, bliebt den Feierlichkeiten aus Protest daher fern. Er vermutet Syrien hinter der Ermordung seines persönlichen Freundes, dem libanesischen Premiersminister Rafik Hariri.

Kurz vor zehn Uhr am Rond-Point des Champs-Elysée können die Ordnungskräfte einen diplomatischen Zwischenfall gerade noch verhindern. Eine Gruppe Demonstranten von „Reporter ohne Grenzen“ versucht, auf die Prachtmeile vorzustoßen. „Freiheit für Syrien“ rufen sie. Doch gegen das riesige Polizeiaufgebot hat das Grüppchen Protestierender keine Chance.

„Wir sind nicht gegen Assads Präsenz in Paris“, erklärt Vincent Brossel, Chef des Asien-Pazifik-Büros von „Reporter ohne Grenzen“, „aber wir sind dagegen, dass er auf der Ehrentribune sitzen darf.“ Der 14. Juli sei schließlich der Tag, an dem sich das französiche Volk gegen Unterdrückung aufgelehnt habe. „Und heute sitzt einer der schlimmsten Diktatoren des Nahen Ostens auf der Ehrentribüne.“

Ohne Zwischenfall läuft die Parade wie ein Uhrwerk weiter. Den Aufmarsch der Fußtruppen führen 120 Soldaten verschiedener Nationen eines Uno-Blauhelm-Batallions an. Ihr Aufmarsch bei der Militärparade zum 14. Juli ist eine Premiere. Sie ist als Ehrung des anwesenden Uno-Generalsekretärs Ban Ki-Moon gedacht.

Die Anwesenheit der Blauhelme könnte indes auch als Spitze gegen Assad gesehen werden. Schließlich wird Syrien verdächtigt, Drahtzieher des Attentats aus dem Jahr 1983 in der libanesischen Hauptstadt Beirut gewesen zu sein. Der Anschlag richtete sich gegen die Basis der internationalen Friedenstruppe im Gebäude Drakkar. Damals kamen 58 französische Soldaten ums Leben. Auch Veteranen-Verbände haben sich daher kritisch über die Einladung Assads geäußert:„Der Schatten von Drakkar fällt auf diese Parade“, meinte Jean-Luc Hemar, Vorsitzender des Veteranen-Vereins von Camp Idron.

Der Pressestab des Staatspräsidenten hatte vorab versucht, die Erinnerung an Drakkar zu entschärfen: „Hinter dem Attentat steckte der Iran, nicht Syrien“, hieß es. Der Anschlag ist in Frankreich noch in lebhafter Erinnerung, auch an diesem 14. Juli. Denn die Soldaten des Abschlussjahrgangs der „Ecole interarmées“ marschieren mit. Und ihr Jahrgang trägt den Namen „Antoine de la Bâtie“ – jener war einer der Soldaten, die 1983 beim Drakkar-Anschlag umkamen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Alles läuft auf ihn zu: Frank-Walter Steinmeier könnte die SPD bei der Wahl 2009 anführen. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick. Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • McCain begeistert die Rep...

    McCain begeistert die Republikaner

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals. Das Parteitreffen rundete dann John McCain mit einer umjubelten Rede ab.Bildergalerie 

  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Pecorino in Gefahr 

04.09.2008Global Reporting

Es ist schlecht bestellt um Italiens Schafkäse Pecorino. Und Schuld ist mal wieder die EU. Genau genommen die EU-Erweiterung. Nach zwei Wochen in den Berges des Apennin wischen den Marken und Abruzzen, mache ich mir Sorgen um die Herstellung meines geliebten Pecorino. Blog


weiterMadagaskar

Back to the USSR 

20.08.2008Madagaskar

Krieg als Mittel der Politik ist auch im 21. Jahrhundert keine Ausnahme und nicht den Despoten vorbehalten. Blog