Der stille Aufstieg der Südamerikaner
Brasilien – die unterschätzte Macht

Kaum ein Land wird so unterschätzt wie Brasilien. Während die Herausforderer China und Indien allgegenwärtig sind, trauen wir den Südamerikanern bei der Umwälzung in der globalen Wirtschaft bestenfalls eine Nebenrolle zu. Doch das ist ein großer Fehler.

SAO PAULO. Das Büro im Zentrum Rio de Janeiros war klein und mit alten Möbeln voll gestellt. Der Präsident drückte auf eine scheppernde Klingel unter seiner Schreibtischplatte und orderte den obligatorischen Cafezinho. Er gab kein Interview, sondern hielt einen Monolog über deutsche Kultur, Infrastrukturprobleme Brasiliens, japanische Interessen in Südamerika. Durchaus interessant, aber nicht gerade fokussiert auf sein Unternehmen. Es ging weder um Umsätze noch um Gewinnentwicklung. Ob es diesen Konzern wohl noch lange geben wird, fragte ich mich damals. Das war Mitte der 90er-Jahre. Nur eine Dekade später ist der Konzern der zweitgrößte Bergbaukonzern der Welt. Die Companhia Vale do Rio Doce, heute Vale genannt.

Kurz danach war ich erneut im Zentrum von Rio. Das Außenministerium wollte mir die Stärken brasilianischer Konzerne vorführen und hatte ein Treffen mit einem Direktor des Ölkonzerns Petrobras organisiert. Stundenlang, so schien mir, wanderte ich durch lange, dunkle Gänge im futuristischen Betonwürfel des Konzernsitzes. Scharen von Bediensteten schauten Fernsehen oder schwatzten mit Sekretärinnen, die sich die Nägel feilten. Der Direktor war nicht da. Keiner wusste Bescheid. Ich wurde von einem Assistenten zum anderen geschickt. Was aus diesem verschlafenen Staatskonzern wohl noch wird, dachte ich – und bin bis heute überrascht, dass Petrobras einer der dynamischsten Ölmultis der Welt geworden ist.

So wie es mir vor zehn Jahren erging, so ähnlich ergeht es heute noch vielen. Kaum ein Land wird so unterschätzt wie Brasilien. Die Herausforderer China und Indien sind allgegenwärtig. Ihnen trauen wir führende Rollen bei der Umwälzung in der globalen Wirtschaft zu. In diesem Prozess gestehen wir Brasilien bestenfalls eine Nebenrolle zu. Doch das ist ein Fehler. Denn die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt setzt gerade zum Sprung zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht an. Deshalb sollten wir Brasilien mehr Aufmerksamkeit schenken.

Konservative Geld- und Haushaltspolitik wirkt

Das Land wird auch zu einem Testfall der Demokratie. Im größten Land Lateinamerikas entscheidet sich, wie vielleicht nur noch in Indien, ob einer großen, aufstrebenden Volkswirtschaft der Sprung zur Großmacht auch als Demokratie gelingen wird. Das ist wichtig für die Zukunft des westlichen Gesellschaftsmodells: Denn im globalen Wettbewerb kommt das demokratische Staats- und Wirtschaftsmodell zunehmend unter Beschuss. Beweisen die Erfolge Russlands und Chinas nicht gerade, dass autoritäre Wirtschaftsmodelle der westlichen Marktwirtschaft mit ihren schwerfälligen Regeln überlegen sind? Brasilien tritt den Gegenbeweis an.

In Brasilien ist die demokratische Kontinuität ein entscheidender Standortfaktor geworden – nach über zwanzig Jahren Diktatur. Seit vier Amtszeiten unter zwei Präsidenten entwickelt sich Brasilien ohne die früher chronischen Kurswechsel. Die Währungsreform des „Plano Real“ von 1994 unter Präsident Fernando Henrique Cardoso, die folgenden Schuldenverhandlungen, Privatisierungen und Bankensanierung schufen in den 90er-Jahren die Basis für einen neuen Wachstumszyklus. Der vor sechs Jahren zum Präsidenten gewählte Arbeiterführer Luiz Inácio Lula da Silva hat die konservative Geld- und Haushaltspolitik seines Vorgängers fortgesetzt und durch eine effiziente Verteilungspolitik für die Armen ergänzt. Denn Lula weiß, dass Wachstum mit Inflation gerade den Unterprivilegierten Brasiliens schadet.

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