Der Streit um den Gazastreifen
Zwischen Paradies und Hölle

Über ihre Gesichter haben sie schwarze Mützen mit winzigen Sehschlitzen gezogen. Sie tragen geschulterte Kalaschnikows. Dazu skandieren sie Sprüche wie: „Wir werden nicht zulassen, dass sich die Israelis in Würde zurückziehen“, „Wir werden alle Märtyrer im Paradies treffen“ und natürlich „Allah ist der Größte“. So marschieren militante Palästinenser durch die Straßen von Khan Younis, sie sind bereit zu kämpfen.

HB GAZA. Nur einige hundert Meter davon entfernt, in der jüdischen Siedlung Morag, erklärt Chaim Gross seinen Kindern, warum sie keine Angst vor Terroristen haben müssen. „Wir führen einen Krieg gegen die Palästinenser“, erzählt er ihnen statt einer Gute-Nacht-Geschichte. Es ist kurz vor acht Uhr, Gross sitzt auf der Bettkante im Kinderzimmer und formuliert Sätze wie ein Kriegsberichterstatter: „Wir brauchen mutige Leute an der Front, die auf den Rest Israels aufpassen.“ Und: „Das Leben ist nicht der höchste Wert, sondern der Glaube an Gott. Und ans Land. Manchmal passiert es halt, dass ein Mensch verletzt oder getötet wird. Das muss man in Kauf nehmen.“

Khan Younis und Morag, zwei Ortschaften im südlichen Gaza-Streifen, sie liegen ganz dicht beieinander. Nur ein Zaun und ein paar aufgeschüttete Sanddünen trennen sie. Doch unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Die dicht bebaute palästinensische Stadt Khan Younis mit 175 000 Einwohnern und einer Arbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Die Armut ist hier für jeden sichtbar. Es gibt nur mickrige Geschäfte und Restaurants. Die Wohnhäuser sind klein und meist unverputzt, manche weisen Einschusslöcher auf, einen Garten hat hier kaum jemand. Als Rückzugsorte nutzen die Menschen die über 100 Moscheen und Minarette.

Gegen dieses trübe Grau hebt sich die mit viel Grün angelegte Siedlung Morag mit ihrer großen Synagoge in der Mitte ab. Hier blühen Tomaten- und Paprikakulturen, die Vorgärten der Einfamilienhäuser sehen aus wie manikürt, 42 jüdische Familien leben in dem Ort.

Bisher gehören diese Siedler zweifelsfrei zu den Gewinnern des israelisch-palästinensischen Konflikts. Sie haben das Land vor Jahren billig bekommen. Jetzt aber soll Morag aufgelöst werden. Und das ausgerechnet von Ariel Scharon, dem Urvater der Siedlungen. Die Planungen des israelischen Regierungschef sehen vor, dass alle 21 jüdischen Siedlungen im seit 1967 besetzten Gaza-Streifen spätestens ab Mitte August geräumt werden, womöglich sogar noch früher, wie Scharon erst gestern erklärte.

Damit geht eines der letzten kolonialen Unternehmen der Welt zu Ende: Die 8 000 jüdischen Siedler des Gaza-Streifens, in dem 1,3 Millionen Palästinenser leben, kontrollieren rund 20 Prozent des Gebiets, 40 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens und den größten Teil des hier so knappen Wassers.

Doch ehe das fruchtbare Land neu verteilt werden kann, ist noch viel Diplomatie gefragt. Hunderte jüdische Siedler wehren sich weiter mit Gewalt gegen den Zwangsumzug. Auf der anderen Seite streiten die Palästinenser schon jetzt um den frei werdenden Grund und Boden. Dass sich beide Gruppen auch gegenseitig weiter heftig bekämpfen, erhöht nur noch den Druck im ohnehin schon hoch explosiven Interessengemisch.

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