Der türkische Premier in Berlin
Erdogan – der Kämpfer

Der Besuch des türkischen Premiers wird überschattet von Korruptionsaffären, die bis in sein familiäres Umfeld hineinreichen. Erdogans politische Zukunft steht auf dem Spiel – ihn schon abzuschreiben, wäre aber voreilig.
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BerlinBei seinem letzten Besuch in Berlin im Oktober 2012 konnte sich der türkische Premier Tayyip Erdogan noch als strahlender Siegertyp präsentieren: Im Jahr zuvor hatten ihn die Türken mit knapp 50 Prozent Stimmenanteil im Amt bestätigt. Die Türkei lag mit Wachstumsraten von neun Prozent mit China an der Weltspitze. Dazu passte, dass der Premier im Berliner Diplomatenviertel die weltweit größte türkische Botschaft eröffnete. Erdogan damals: „Wir erstarken von Tag zu Tag!“

Doch am Montagabend landete ein politisch schwer angeschlagener Erdogan auf dem Flughafen Tegel. Bei den Gesprächen im Kanzleramt am Dienstag soll es um die türkische EU-Perspektive gehen, um die Lage in Syrien, die Entwicklungen im Atom-Streit des Westens mit dem Iran und natürlich um bilaterale Themen.

Aber der Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Dienstag wird überschattet von den Korruptionsaffären, die mittlerweile bis ins familiäre Umfeld des Premiers hineinreichen. Dass Erdogan jetzt Tausende Polizisten strafversetzen und Staatsanwälte kaltstellen lässt, um die Enthüllungen zu verschleiern und weitere Ermittlungen abzuwürgen, weckt ernste Zweifel am Demokratie-Verständnis des türkischen Premiers, der schon während der Massenproteste vom vergangenen Sommer despotische Züge erkennen ließ.

Erdogans Fehde mit dem vom Verbündeten zum Widersacher gewandelten islamischen Exil-Prediger Fetullah Gülen stellt die regierende Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) auf eine schwere Zerreißprobe. Und nun stürzt auch noch die Währung ab. Der rasante Verfall der Lira könnte ein Ende des türkischen Wirtschaftswunders signalisieren – und die elfjährige politische Glückssträhne Erdogans beenden.

Noch nie seit seinem Amtsantritt im März 2003 spürte der türkische Premier so kräftigen Gegenwind wie jetzt. Aber es wäre voreilig, Erdogan schon abzuschreiben. Wenn er eines ist, dann ein Kämpfer. Aufgewachsen ist der Sohn eines Seemanns im ärmlichen Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa. Dort zählen Fäuste und Ellenbogen. Das Schulgeld zum Besuch des Imam-Hatip-Priestergymnasiums musste er sich mit dem Straßenverkauf von Limonade und Sesamkringeln verdienen.

Aus der Istanbuler Stadtverwaltung stieg er zum Oberbürgermeister der Wirtschaftsmetropole am Bosporus auf, damals noch als Mitglied der islamisch-fundamentalistischen Wohlfahrtspartei. Nach deren Verbot wegen islamistischer Umtriebe schloss er sich zunächst der Tugendpartei an und gründete mit mehreren Gesinnungsgenossen die gemäßigt auftretende, islamisch-konservative AKP.

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  • @ FlashGordon
    „Die Türkei muss schnellstmöglich in die EU eintreten und den Euro einführen.“

    Genau darauf ist der Fokus der US-Politik gerichtet, damit der Konkurrent EU im Weltgeschehen durch einen türkischen Dauerquerulanten und Faß ohne Boden endlich ausgeschaltet ist. Denn die dann auftauchenden Probleme werden die, die es in den EU-Staaten jetzt schon gibt, übertreffen.
    Die EU und die Europäer brauchen alles, nur keine Türkei und noch mehr Türken. Die, die schon hier sind, reichen völlig aus. Schade ist nur, das eine Vielzahl derer ihren Vorsatz: “Nächstes Jahr gehen wir zurück!“ Immer wieder auf die lange Bank schieben.

    Das „Vereinigte Europa“ dem Sie hier huldigen, wird es nicht geben. Folgende Staaten werden sich dagegen wehren; England, Irland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Dänemark, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Österreich, Italien, Griechenland, Malta, Zypern, Spanien, Portugal. Die einzigen, die bereit sind ihre Identität und Geschichte dem Moloch „Vereinigte Staaten von Europa“ zu opfern, sind die Deutschen, bzw. richtiger, die deutsche Regierung, sonst niemand.

  • Glaube macht selig.... offenbar auch der islamische....

  • Liebe Kommentatoren,

    Wieso Erdogan die Beitrittsverhandlungen in die EU vorantreibt liegt klar auf der Hand. Es geht um die Wirtschaft und Pfründe die auch Ihn in einem besseren Licht stehen lassen würden.
    Weiterhin ist die Wirtschaft der Türkei weit besser aufgestellt als z.B. Griechenland. Dort werden zwar auch Steuern hinterzogen wie z.B. auch in Deutschland täglich der Fall ist. Jedoch werden dennoch genug Steuern generiert um Investitionen tätigen zu können, was auch reichlich getan wird (genug beispiele sind vorhanden).
    Ein Erdogan ist genauso Korrupt wie der damalige Herr Dr. Kohl, unser jetziger Finanzminister Herr Dr. Schäuble und weitere Konsorten.
    Die EU braucht die Türkei um einen weiteren Wachstumsmarkt zu generieren.
    Ein Muammar al Gaddafi wurde kurz vor dem arabischen Frühling vom Westen auch Hofiert. Wieso eigentlich? Es geht nicht um Menschenrechte, Demokratie und Redefreiheit. Es geht um Kapital und nichts anderes.
    Abgesehen davon, gibt es in der Türkei zur Zeit keinen alternativen Politiker der zumindest die Wirtschaft weiterhin auf Wachstumskurs halten würde. Wenn z.B. die CHP die Wahlen gewinnen würde, dann würde man die Türkei innerhalb von wenigen Jahren auf Stand von vor 1970 bringen. Und das will (auch hier!) keiner sehen...
    Man kann von Erdogan halten was man will, unter seiner Regie ist die Türkei aufgeblüht. Die Menschen haben einen gewissen Wohlstand erreicht. Was würde passieren wenn all diese Sozialen Aspekte zusammen brechen würde? Ein Bürgerkrieg könnte los gehen, das würde auch die EU allen voran Deutschland auch erreichen.
    Erdogan wird mehr oder weniger an der Macht bleiben müssen...Auch wenn dieser Umstand mir auch nicht gefällt!

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