Der Unsinn hat Methode
Aufleben von Nazi-Mythen in Argentinien

Wer in den frühen Abendstunden durch die Straßen Bariloches schlendert, vergisst, dass er in Argentinien ist. In der Räucher- und Käsewarenhandlung von Familie Weiss duftet es wie auf dem Münchener Viktualienmarkt. Die Rosinenstollen und Pralinen von „Großmutter Goye“ ähneln in Aussehen und Geschmack den Feinkostprodukten Schweizer Konditoren. In der 100 000-Einwohner-Stadt im Norden Patagoniens, die im frühen 19. Jahrhundert von Deutschen und Schweizern besiedelt wurde, erinnert noch heute vieles an die ehemaligen Siedler.

BARILOCHE. Auf Erinnerungen ganz anderer Art stößt, wer sich in den Buchläden der Stadt umsieht. Ein dünner Band des argentinischen Journalisten Abel Basti, „Bariloche Nazi“, verspricht Aufklärung über die dunklen Seiten der Stadtgeschichte. Auf Landkarten hat der Autor die Wohnorte ehemaliger Nazis verzeichnet. Da wäre zum Beispiel die kleine Hütte am See, bewohnt von Adolf Hitler und Eva Braun ... Adolf Hitler und Eva Braun? Haben die nicht heute vor fast genau 60 Jahren am 30. April 1945 in Berlin Selbstmord begangen?

Auch wenn es Hitler selbst nie bis nach Argentinien schaffte, diente Bariloche nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Nationalsozialisten als Durchgangsstation. Ehemalige Hitleranhänger hofften, eine Zeit lang in der deutschen Gemeinde der Stadt untertauchen zu können. Ein Herr Erich Priebke durfte sich hier über Jahre hinweg im Vorstand des Deutsch-Argentinischen Kulturvereins betätigen, ehe er 1995 in Rom wegen Beteiligung an Massenerschießungen vor Gericht gestellt wurde.

Das Sortiment der Buchhändler in Bariloche hält noch mehr Überraschungen bereit. Zum Beispiel das Buch „Übersee Süd. Die letzte geheime Operation des ,Dritten Reiches’. Die Flucht von mehr als 50 Nazi-Größen mit U-Booten nach Argentinien“.

Das Werk liest sich wie ein Politthriller. Schenkt man den beiden Autoren Glauben, gelang Hitler in der Nacht zum 29. April 1945 die Flucht aus dem Führerbunker. Der neu ernannte Luftwaffenkommandant Robert Ritter von Greim und Hanna Reitsch verstecken ihn und Eva Braun in einem Flugzeug vom Typ „Arado“. Mit dem letzten verfügbaren Flugbenzin starten sie von der knapp bemessenen Landebahn, der Ost-West-Achse, und fliegen das traute Paar nach Norwegen. Von dort aus schmuggelt sie das U-Boot „U-977“ durch den Atlantik nach Südamerika.

Es kommt noch besser. Denn auch Martin Bormann gelingt die Flucht. Und wer hilft ihm hinaus aus dem von Russen besetzten Berlin? James Bond! Niemand anders als der spätere James-Bond-Autor Ian Fleming, so die Autoren Salinas und de Napoli, habe Bormanns Flucht nach London organisiert, wo der britische Premier Winston Churchill den Chef der Reichskanzlei für Geheimdienstaktivitäten einspannen wollte. Wen kümmert es da, dass 1972 bei Bauarbeiten am Lehrter Bahnhof in Berlin Leichenteile exhumiert wurden, die einwandfrei als die Bormanns identifiziert wurden?

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