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Der Zar von Russland und Putins Rache

Lindgrün ist der klassizistische Katharinensaal des Kremls, schwanenweiß der riesige runde, mit Goldintarsien verzierte Tisch, an dem die 30 geladenen Granden der russischen Wirtschaft schnurstracks aufstehen, als Wladimir Putin einmarschiert. Es ist der 19. Februar 2003, und der Präsident hat die Großunternehmer Russlands in sein Haus gebeten.

Es wird geplaudert, die Stimmung ist friedlich, bis ein jungenhaft wirkender Mann spricht, während die Kameras des russischen Fernsehens unablässig filmen. Michail Chodorkowskij sagt: „Zu unseren Lebzeiten wird die Korruption wohl nicht beerdigt, aber sie könnte doch wenigstens ins zweite oder dritte Glied zurücktreten.“ Damit verletzt der Ölmagnat die eherne russische Regel – über Geld spricht man nicht, das zahlt man. „Mit uns hat alles angefangen und muss mit uns auch irgendwann aufhören“, fügt er an. Und jeder weiß, dass die Oligarchen und die Korruption gemeint sind. Dann wird Chodorkowski konkret: Der Staatsölkonzern Rosneft, sagt er, habe kürzlich bei der Übernahme des Ölförderers Sewernaja Neft geschmiert.

Der sonst mit wächserner Miene lauschende und mit Bleistift notierende Kremlherr lässt den Griffel fallen. „Rosneft hat viel geringere Ölreserven als Yukos“, blafft Putin ungewöhnlich laut und schnell zurück. „Aber wie Sie diese bekommen haben, das ist eine große Frage.“

Seit diesem Tag tobt der Kampf Kreml gegen Yukos. Seit Samstag, seit der Verhaftung Chodorkowskijs, ist das weltweit sichtbar geworden. Seitdem sitzt der Milliardär gemeinsam mit vier weiteren Gefangenen in der Moskauer Matrosenruhe, einem zum Untersuchungsgefängnis umgebauten ehemaligen Marinespital. Seitdem ist der Aktienkurs seines Unternehmens abgestürzt und, in geringerem Maße, die Moskauer Börse. Und mit dem angekündigten, aber noch nicht bestätigten Rücktritt von Kreml-Administrationschef Alexander Woloschin verliert Chodorkowskij einen wichtigen Mann in der politischen Führung des Landes. Die Auseinandersetzung geht damit weit über eine rein persönliche zwischen Putin und Chodorkowskij hinaus. Es ist ein Krieg, in dem das Alte und das Neue aufeinander prallen: der „alte“ Moskauer Clan der Ära Jelzin, zu dem Woloschin und Chodorkowskij zählen, und Putins „neue“, Petersburger KGB-Seilschaft. Der Politikberater Gleb Pawlowskij spricht schon von einem „schleichenden Staatsstreich“.

Die sich kreuzenden Lebenswege der beiden Gegner – des mächtigsten Politikers und des reichsten Wirtschaftsführers – zeigen beispielhaft, wie die Macht in Russland verteilt ist und woher sie rührt. Chodorkowskij, 1963 geboren in einer wohl behüteten jüdischen Moskauer Ingenieursfamilie, ist nach dem Chemie- und Ökonomie-Studium schnell die Karrierestufen des kommunistischen Jugendverbandes empor gestiegen. Und er ist einer der Ersten, der begreift, wie er Gorbatschows Perestrojka- Aufbruchstimmung nutzen kann. Mit Kameraden gründet er ein „ Zentrum für wissenschaftliche Schöpfungen“ der Jugend – und handelt mit importierten Computern, Cognac und der in Untergrund-Fabriken genähten Mangelware Jeans.

Das Geld steckt er in seine Bank, die 1988 als eines der ersten russischen privaten Geldhäuser nach Medienberichten Hilfe und Kapital von Staatsbanken bekommen haben soll. Geholfen haben sollen dabei gute Freunde, deren Eltern in ebendiesen Staatsstrukturen arbeiteten.

Zum Staat zog es auch den 1952 als Sohn eines Schlossers in Leningrad geborenen Putin. Nach dem Abschluss als Jurist ging er 1975 an die Andropow-Hochschule des KGB, zehn Jahre später wurde er als Agent nach Dresden geschickt. Dort sei der noch heute nach außen ebenso charmant wie undurchsichtig erscheinende Putin nach Meinung seines damaligen KGB-Kollegen Wladimir Ussolzew hartnäckig und hörig gewesen – hartnäckig gegenüber Mitarbeitern, hörig gegenüber Vorgesetzten – und einer, „der das eine denkt und das andere sagt“.

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