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Deutsch-französische Freundschaft: Merkel und ihr neuer Freund

Sie mussten sich erst aneinander gewöhnen, doch nun sind „Angela“ und „Francois“ offensichtlich auf dem besten Wege, gute Freunde zu werden - denn mittlerweile duzen sich die Bundeskanzlerin und Frankreichs Präsident.

Ziemlich beste Freunde? Francois Hollande und Angela Merkel. Quelle: AFP
Ziemlich beste Freunde? Francois Hollande und Angela Merkel. Quelle: AFP

BerlinFrancois Hollande ist erst wenige Monate im Amt. Aber als der französische Präsident am Montagabend im Erdgeschoss des Kanzleramtes neben Angela Merkel vor rund 200 Jugendlichen aus beiden Ländern steht, klingt er schon wie ein erfahrener Staatsmann: "Die Europäer haben eine besondere Sicht auf die deutsch-französischen Beziehungen. Wenn wir uns zu gut verstehen, fürchten sie, dies sei zu ihrem Nachteil", erklärt er und die Kanzlerin nickt. "Und wenn wir uns nicht gut verstehen, stellen sie fest, dass es wirklich zu ihrem Nachteil ist", fügt er lächelnd hinzu und Merkel nickt nach siebenjähriger Kanzlerschaft und der Erfahrungen mit drei französischen Präsidenten noch heftiger.

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Angesichts dieser Alternativen haben Hollande und Merkel offensichtlich eine Entscheidung getroffen - und sich nach anfänglichem Zögern für die erste Variante entschieden. Zwar verschweigen sie in den folgenden 90 Minuten Diskussion mit den Jugendlichen nicht unterschiedliche Positionen ihrer Länder und Regierungen. Aber die eigentliche Botschaft des gemeinsamen Auftritts ist: Das deutsch-französische Duo ist historisch wieder mal an einem Punkt angekommen, wo man bedingungslos füreinander einsteht. "Man ist nicht Freund, man wird Freund", sagt der französische Sozialist und beschreibt damit ungewollt auch sein neues Verhältnis zu der deutschen Konservativen.

Denn zu Freunden mussten beide Politiker tatsächlich erst werden. Hollande hatte sich im Wahlkampf noch vehement gegen eine Sonderbeziehung zu Deutschland gewandt, auch weil Merkel seinen Kontrahenten Nicolas Sarkozy unterstützte. Die Ostdeutsche wiederum hatte einige Jahre früher erst mühsam lernen müssen, wie wichtig der manchmal schwierige Nachbar Frankreich für Deutschland und die EU wirklich ist. Jetzt meint Merkel, sie sei ein wenig neidisch, dass sich die Jugendlichen untereinander französisch oder deutsch verständigen könnten. "Ich würde das vielleicht gern einmal lernen, wenn ich nicht mehr so viel zu tun habe wie jetzt", fügt sie hinzu. Solange muss sie mit dem Präsidenten mit Dolmetschern oder auf englisch reden.

Beschlüsse zum 50. Jahrestag des Freundschaftsvertrags

  • Erklärung der Parlamente

    Der Bundestag und die französische Nationalversammlung beschlossen in einer gemeinsamen Sitzung unter anderem die Einrichtung bilateraler Arbeitsgruppen "zu besonders wichtigen Themen wie der Energiewende" oder der Finanzkrise in der Europäischen Union. Zudem sollen sich die Parlamente "hinsichtlich des Beitritts von Kandidatenländern" zur EU eng abstimmen, was mit Blick auf die Türkei von Bedeutung sein könnte. Zudem sollen bestehende Programme zum Schüleraustausch weiterentwickelt, der gegenseitige Spracherwerb ab dem Vorschulalter intensiv gefördert und die Zusammenarbeit zwischen Universitäten intensiviert werden.

  • Erklärung der Regierungen

    Grundsätzlich wollen beide Seiten ihre "Zusammenarbeit vorantreiben" und ihre Initiativen auch für andere EU-Staaten öffnen. Neben zusätzlichem Engagement in der Jugend- und Kulturpolitik wird die "Schaffung einer echten europäischen Außenpolitik" angestrebt. Die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik in der EU soll zudem weiterentwickelt werden. In der Energie- und Klimapolitik streben die Regierungen "eine vertiefte Zusammenarbeit" bei der Entwicklung von Technologien und der Nutzung erneuerbarer Energien an, im Wirtschaftsbereich wollen sie für mehr "Finanzstabilität, Wachstum und Beschäftigung" sorgen.

  • Erklärungen Merkels und Hollandes

    Für die Kanzlerin und den Staatschef stehen Kontakte zwischen deutschen und französischen Jugendlichen "an erster Stelle". Zudem stellen sie "konkrete Kooperationsvorhaben" für den Kulturbereich in Aussicht. Für Mai kündigen beide "einen gemeinsamen Beitrag zu den Vorbereitungen für den Europäischen Rat im Juni" an, der zur Beilegung der Eurokrise dienen sowie für Stabilität und Wachstum im Euroraum sorgen soll. Konkret laden sie Arbeitnehmer und Arbeitgeber zur Beteiligung an den Debatten ein. Als weitere Handlungsfelder werden etwa die Bildungs-, Energie-, Verkehrs- und Verteidigungspolitik genannt.

  • Mehr Geld für das Jugendwerk

    Schon vor den Feierlichkeiten wurde dem DFJW ab dem Jubiläumsjahr erstmals seit seiner Gründung eine Aufstockung seines Budgets zugesagt - um fast zehn Prozent auf knapp 23 Millionen Euro. Die Mittel fließen aus Berlin und Paris zu gleich Teilen. Das DFJW wurde im Juli 1963 wenige Monate nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags durch den damaligen deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs seinerzeitigen Präsidenten Charles de Gaulle gegründet. Seither nahmen nach Angaben der Einrichtung mehr als acht Millionen junge Deutsche und Franzosen an etwa 300.000 geförderten Austauschprogrammen teil.

Natürlich sollte der betont harmonische Auftritt den Tenor zum 50. Jahrestag des Elysee-Vertrags vorgeben. Dort hat im Rahmen der Feiern Deutschlands und Frankreichs zum 50-jährigen Bestehen ihrer Freundschaft hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag die französische Botschaft in Berlin besucht. Sie wurde von Präsident Francois Hollande begrüßt. Anschließend sprachen Merkel und Hollande mit Gästen aus beiden Ländern.

Porträt in Bildern Die Geheimwaffe Hollande

  • Porträt in Bildern: Die Geheimwaffe Hollande
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  • Porträt in Bildern: Die Geheimwaffe Hollande
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Der Höhepunkt der Feierlichkeiten ist eine gemeinsame Kabinettssitzung sowie eine Sondersitzung der beiden Parlamente am Nachmittag. Mehrere hundert französische Abgeordnete und fast die komplette Regierung sind zu den Feierlichkeiten nach Berlin gekommen. Die zentralen Reden im Bundestag werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Hollande halten. Und die beiden scheinen sich auch heute bestens zu verstehen. Die anfängliche Sprachlosigkeit nach Hollandes Einzug in den Elysee-Palast ist wohl endgültig vorbei. Später am gestrigen Abend, beim Essen im Kanzlerin, gehen "Angela" und "Francois" deshalb auch erstmals zum vertraulichen "Du" über.

Schon vor den Jugendlichen wirken beide viel eingespielter als dies zwischen Merkel und Sarkozy jemals der Fall war. Denn neben Sarkozy wirkte die Kanzlerin selten völlig entspannt, weil sie immer auf der Hut vor einem der typischen Schnellschüsse sein musste. Jetzt liefern die Studenten zwar Steilvorlagen für deftige Meinungsverschiedenheiten, weil sie nach tatsächlich vorhandenen deutsch-französischen Differenzen bei den Themen Steuern, Sozialabgaben oder Mali fragen. Aber Hollande und Merkel lassen alles abperlen, werben sogar um Verständnis für die Positionen des anderen. Längst ist die deutsch-französische Kompromissmaschine, die bereits im Dezember die Einigung über die Bankenunion möglich gemacht hatte, wieder angeworfen worden.

Zum Abschied von Merkozy Ein Rückblick auf deutsch-französische Traum-Duos

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Vielleicht liegt es an den ersten gemeinsam geschlagenen politischen Schlachten: Jedenfalls funktioniert zwischen "Angela" und "Francois" nun sogar schon die feine gegenseitige Ironie, die weniger gute Beziehungen wegen der Gefahr von Missverständnissen schnell sprengen kann. Als Merkel das manchmal schwierige Verhältnis zur EU-Kommission beschreibt und erwähnt, dass die Bundesrepublik "dauernd" mit Vertragsverletzungsverfahren überzogen werde, fügt sie ironisch und einem Seitenblick auf Hollande hinzu: "Frankreich ist natürlich immer vorbildlich."

Das Netzwerk des François Hollande

  • André Vallini

    Gehört ebenfalls zu denen, auf die Hollande sich verlässt. Heißer Anwärter auf den Posten des Justizministers.

  • Arnaud Montebourg

    Beliebter Globalisierungsgegner mit Vorliebe für griffige Polemiken. Wäre fast über seine deutschlandfeindlichen Äußerungen gestolpert.

  • Jean-Marc Ayrault

    Ruhig, professionell und seit 15 Jahren ein Vertrauter des Kandidaten. Der Deutschland-Kenner hat beste Chancen, nach der Wahl Premierminister zu werden.

  • Laurent Fabius

    War Premier unter Francois Mitterrand und ist ein alter Gegner Hollandes. Spekuliert trotzdem auf das Außenministerium.

  • Manuel Valls

    Kommunikationschef von Hollandes Kampagne. Extrem ehrgeizig, aber nicht immer mit dem richtigen Fingerspitzengefühl gesegnet.

  • Marisol Touraine

    Expertin für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Könnte Arbeitsministerin werden.

  • Martine Aubry

    Die Parteivorsitzende war eine scharfe Kritikerin Hollandes. Doch nach der Wahl würde sie gerne Premierministerin  werden .

  • Michel Sapin

    Der Autor von Hollandes Wahlprogramm ist einer seiner ältesten Freunde. Er war bereits Finanzminister - und könnte es wieder werden.

  • Pierre Moscovici

    War früher Europaminister - und würde es gerne wieder. Oder noch mehr.

  • Ségolène Royal

    Die sozialistische Kandidatin von 2007 hat sich 2006 von Hollande getrennt. Ihre politische Feindschaft haben die beiden inzwischen begraben.

  • Stéphane Le Foll

    Auch er zählt zu den engsten Getreuen. Der Bretone ist als Europa- oder Landwirtschaftsminister im Gespräch.

  • Valérie Trierweiler

    Die Lebensgefährtin Hollandes war Journalistin - bis sie begonnen hat, im Wahlkampf auch öffentlich als Frau an seiner Seite in Erscheinung zu treten.

  • Delphine Batho

    Hollande-Sprecherin, Expertin für innere Sicherheit und frühere Vertraute von Ségolène Royal. Abgeordnete der Nationalversammlung.

  • Henri de Castris

    Axa-Chef, Hollande-Freund. Hat mit ihm zusammen die Eliteschule ENA absolviert.

  • Gérard Mestrallet

    Leitet den Energie-Multi GDF Suez. Wichtiger Gesprächspartner von Hollande.

  • Jean-Pierre Jouyet

    Der Sozialist leitet die Finanzaufsicht AMF. Eng mit Hollande befreundet und wichtiger Ratgeber für Fragen der Finanzmärkte.

  • Emmanuel Macron

    Partner von Rothschild & Cie. Hat an Hollandes Wirtschaftsprogramm mitgewirkt und könnte eventuell mit in die Leitung des Präsidialamtes berufen werden.  

  • Mathieu Pigasse

    Europa-Vizechef der Bank Lazard. Aktionär von Le Monde und Anhänger von Hollande.

Der Präsident, der um den nicht immer guten Ruf seines Landes als europäische Extra-Wurst weiß, verzieht keine Miene und meint trocken: "Ich habe mir das für weitere Sitzungen vorgemerkt". Dann grinsen beide und die Jugendlichen lachen. Und plötzlich kann man sich vorstellen, wie "Angela" und "Francois" auf einem der nächsten EU-Gipfel dem anderen in einer Debatte unter den 27 EU-Staaten erst todernst beispringen und dann loslachen, weil nur sie die damit verbundene Ironie verstehen.

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  • 31.01.2013, 13:28 UhrDrCoaleonesErbengemeinschaft

    Freundschaft wäre natürlich, wenn sich Frau Merkel ihres Freundes Sarkozy entsinnen würde und ihm in all seiner Not beistünde. In der Politik scheint durch, es sind nur Figuren, die eine ZEITlang für eine "ungebremste" Öffentlichkeitsarbeit vergessen, wer sie eigentlich sind. Beamte im öffentlichen Dienst, wenn sie abtreten müssen, sorgsam mit Kohle ausgestattet. Dann tut es weniger schmerzen, wenn "Freunde" auch nur ein gewisses Haltbarkeitsdatum aufweisen. So ist das ganze Leben. Der Herr hat ihnen mehr gegeben, der Herr wird ihnen viel mehr nehmen. Chapeau Mr. Le Président.

  • 27.01.2013, 06:43 Uhrtxer111

    "Großbritannien hat hat kein Freunde, sondern nur Interessen" sagte mal Benjamin Disraeli vor über hundert Jahren. Der Spruch passt auch heute noch auf die europäische und internationale Politik.

  • 23.01.2013, 07:57 UhrUn_Italiano_in_Germania

    Freundschaft ist eine wunderbare Sache, aber wenn diese Freundschaft zum Vorteilnahme gegenüber andere Länder missbraucht wird, wenn diese Freundschaft zu Komplizenschaft mutiert, dann wird es zu einer Art Krebsgeschwür für die Währungsunion. .
    Aber gerade dies ist mit der deutsch-französische Freundschaft, die zur deutsch-französische Achse mutiert ist, Verträge entworfen und durchgesetzt hat die für andere EU-Mitglieder, vor allem für andere Mitglieder der Währungsunion sehr nachteilig sind, passiert.
    Die Industrieproduktion in Italien ist seit 2007 um mehr als 25% gesunken, obwohl die Lohnkosten in Italien wesentlich niedriger als in Frankreich und sogar niedriger als in Deutschland sind.
    Die Gewinne die deutsche und französische Konzerne in Italien realisiert haben wurden zum größten Teil nicht in Italien, sonder oft ins Nichteuroausland reinvestiert, was aus Sicht Italiens einer massiven Kapitalflucht gleich kommt
    Dies wird in absehbarer Zeit zu Verwerfungen innerhalb der Währungsunion führen, wenn nicht wesentliche Änderungen der Verträge vorgenommen werde.
    Eine Alternative für Italien wäre sich an Großbritannien und den USA anzulehnen, was für das Überleben des Landes sich bald als absolut erforderlich und alternativlos erweisen wird.
    Merkel und Hollande wären gut beraten dies zu berücksichtigen und zu bedenken dass in der Vergangenheit meistens der übertriebene Chauvinismus der Nationen für die Innereuropäische Konflikte verantwortlich waren. Was auch fast den Untergang Europas zur Folge hatte.
    Stärke durch Einheit, Gerechtigkeit und Chancengleichheit sollte das Motto für ganz Europa lauten

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