Deutsch-israelische Beziehungen
Für Jerusalem sterben?

Die Uno-Resolution hat einen Ernstfall akut werden lassen, der bis dato höchstens als Gedankenexperiment durchgespielt werden musste: Soll Deutschland sich im Nahen Osten militärisch engagieren? Aus historischen Gründen nicht, meint Edmund Stoiber, aus historischen Gründen doch, fordern andere. Was also lernen wir aus der Geschichte?

Dass es zum Staat Israel besondere Beziehungen geben müsse, ist ein politisches Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Der Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“ übernahm die juristische und moralische Verantwortung für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, aber die beschwörende Parole, dass Auschwitz sich nicht wiederholen dürfe, bekam einen Zusatz: „Nie wieder Krieg!“ Und der führte zu einem dezidierten Verzicht auf Militäreinsätze außerhalb der Landesgrenzen.

Davon ist das vereinte Deutschland bereits mehrfach, im Kosovo auch ohne Uno-Mandat, abgerückt. Dass Israels Premier Ehud Olmert den robusten Einsatz der Bundeswehr zum Schutz Israels und der Juden erbeten hat, stellt die Special Relationship auf die Probe. Denn sie besagt womöglich: „Nie wieder Auschwitz, deswegen Krieg!“ Die Berliner Politik geht weiter als die deutsche Gesellschaft. Für Jerusalem sterben wollen die Deutschen so wenig wie Franzosen und Engländer 1938 für Prag oder Danzig.

Der Vergleich ist keineswegs überzogen, wenn deutsche Freiheit und Sicherheit mit hohem Risiko „auch am Hindukusch“ verteidigt werden und die Bundeswehr neuerdings Wahlen im Kongo sichert. Dass deutsches Militär auch zwischen Israel und seinen Todfeinden zum (gewiss riskanteren) Einsatz kommen könnte, hielt man bisher für ausgeschlossen: Juden würden dergleichen von Deutschen nicht verlangen. Olmerts Anfrage ändert das völlig.

Unpopulär wäre eine solche Intervention sicher, denn die öffentliche Meinung steht heute nicht mehr auf Seiten Israels wie noch im Nahostkrieg 1967. Das Meinungsklima wandelte sich mit der Dauer der Besetzung palästinensischer Gebiete, interessanterweise parallel zur wachsenden Anerkennung deutscher Verantwortung für den Holocaust. Heute, da Israel tödlicher bedroht ist als jemals seit der Gründung, möchte es die Mehrheit der Deutschen in die Schranken weisen. Auch haben antisemitische Vorurteile zugenommen, die weniger an den traditionellen Judenhass anknüpfen als an die Politik des Staates Israel. Der postmoderne Antisemitismus schlüpft ins Gewand des Antizionismus, wie Demonstrationen der radikalen Rechten und Linken in ganz Europa belegen.

Verbunden ist damit die ebenso starke Antipathie gegen Amerika, weniger gegen die konkrete Politik der US-Regierung als gegen vermeintliche Charakterzüge des hässlichen Amerikaners, den Präsidenten vorneweg. Solche Ressentiments sind von berechtigter Kritik an der amerikanischen Politik im Greater Middle East und der damit eng verkoppelten Politik Israels zu unterscheiden, das im Feldzug gegen den Libanon schwere Fehler begangen hat.

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