
Herr Hoffmann, kam der Rücktritt von Premier Hatoyama für Sie überraschend?
Nein. Das war seit Wochen absehbar.
Wer wird ihm nachfolgen?
Die meisten gehen davon aus, dass der bisherige Vizepremier und Finanzminister Naoto Kan die Nachfolge antritt.
Welche Aufgaben warten auf den Neuen? Welche Probleme muss er jetzt dringend angehen?
Zu den dringendsten Themen gehören sicherlich neben der hohen Staatsverschuldung die Erhaltung und Förderung der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes Japan. Wichtige Stichworte sind der Nachholbedarf bei der Internationalisierung von vielen japanischen Unternehmen und ihrer Mitarbeiter, wachsende Probleme mit einer rasant alternden Gesellschaft, die Notwendigkeit zur Energieeinsparung und der wachsende Zwang zu ständiger Innovation.
Viele dieser Herausforderungen Japans bieten übrigens für deutsche Unternehmen immer wieder auch neue, interessante Ansätze für ihr Geschäft in Japan oder mit japanischen Unternehmen weltweit.
Was bedeutet der Wechsel für die deutsche Wirtschaft? Im Gespräch ist neben einer Mehrwertsteuererhöhung ja auch eine Senkung der Unternehmenssteuer.
Man hatte sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, dass es kaum lohnte, sich die Namen der Minister und anderer Regierungsmitglieder zu merken. Ich bin seit sechs Jahren im Land und habe bereits fünf Ministerpräsidenten und eine endlose Reihe von Ministern erlebt. Die Praxis zeigte jedoch, dass das Geschäft der Unternehmen trotzdem seinen gewohnten Gang ging.
Mit dem Wechsel zu Hatoyama und der DPJ haben jedoch nach unseren Umfragen viele erstmals einen tatsächlichen Einschnitt mit konkreten Auswirkungen auf das eigene Geschäft erwartet. Das war je nach Produkt oder Branche für einige positiv, für andere negativ. Es wird sich nun zeigen, wie konsequent die neue Regierung die angekündigten Reformen weiterverfolgt oder in der japanischen Politik alles doch wieder unverändert beim alten bleibt. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wird aber sicherlich unvermeidbar sein.