Deutsche Firmen sind bereits stark engagiert – Kurzfristiger Boom wird nicht erwartet
Wirtschaft heißt Türkei willkommen

Die deutsche Wirtschaft begrüßt eine klare europäische Perspektive für die Türkei, warnt aber vor überzogenen Vorstellungen, ein positives Votum der Staats- und Regierungschefs im Dezember werde kurzfristig einen wirtschaftlichen Boom auslösen. „Viele Unternehmen auf beiden Seiten gehen bereits seit einiger Zeit davon aus, dass Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden“, sagte Ludolf v. Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), dem Handelsblatt.

HB BERLIN. „Die Türkei und Deutschland sind füreinander strategisch wichtige Märkte in Europa – das macht sich in den guten wirtschaftlichen Beziehungen bemerkbar.“

Tatsächlich sind beide Länder schon heute ökonomisch stark miteinander verflochten. Deutschland ist mit 17,2 Prozent der türkischen Ausfuhren und 13,2 Prozent der türkischen Einfuhren größter Handelspartner. Der Außenhandel wächst dynamisch: Im ersten Halbjahr 2004 erhöhten sich die deutschen Exporte in die Türkei um 50 Prozent auf knapp 6 Mrd. Euro. Die Wirtschaft scheint die zunehmend stabilen Verhältnisse in dem Land, das noch 2001 in einer tiefen Krise steckte, zu honorieren.

„Schlagen wir die Türe heute zu, fallen wir den Reformern in den Rücken und öffnen die Tür stattdessen für radikalislamische Tendenzen mit ihrer antipluralistischen und antidemokratischen Gesinnung. Ein Anker der Stabilität würde ersatzlos wegfallen“, begrüßt auch Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), die Aussicht auf Beitrittsverhandlungen. Börner rechnet mit einer dadurch ausgelösten Wachstumsspirale, von der Deutschland mittelfristig überproportional profitieren könnte. Schon heute wickelt Deutschland 30 Prozent des gesamten türkischen Außenhandels mit der EU ab.

Der BDI zählt in der Türkei mehr als 1 000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung. Umgekehrt gibt Esref Ünsal, Präsident des Verbandes Türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa (Atiad), die Zahl der türkischstämmigen Selbständigen in Deutschland mit rund 60 000 an – lediglich die Hälfte davon sind Kleinbetriebe wie Dönerbuden und Gemüsehändler. 350 000 Arbeitsplätze seien damit verbunden – 60 bis 70 Prozent für Deutsche. Ünsal sieht die Investitionskraft türkischer Unternehmer und ihr Interesse am deutschen Markt längst noch nicht erschöpft. Das Atiad-Szenario bis 2010: 110 000 Unternehmen, 500 000 Jobs. Voraussetzung: der Start von Beitrittsverhandlungen. „Ob die dann fünf oder zehn Jahre dauern, ist sekundär“, sagte Ünsal dem Handelsblatt.

Trotz viel lobender Worte und Anerkennung der verbesserten rechtlichen Rahmenbedingungen für ausländische Investoren fordert die deutsche Wirtschaft die konsequente Fortsetzung des 2001 begonnenen Reformprozesses. Friedrich Wagner, Türkei-Experte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), sieht noch viel Bedarf in punkto Bürokratie und Rechtssicherheit: „Die Regierung ist willig, aber vor Ort hängt es dann.“ Kritik gibt es an zu hohen Infrastrukturkosten wie Wasser, Telefon und Strom.

Dennoch sehen Vertreter der Wirtschaft für deutsche Investitionen unter anderem aufgrund der noch ausstehenden Privatisierungen viel Raum in dem 70- Millionen-Einwohner-Land. Potenziale werden in der Landwirtschaft gesehen, der Nahrungsmittelbranche und im Umweltbereich. Positiv für hiesige Unternehmen sind die geringen Sprachprobleme, denn viele Türken sprechen deutsch. Als Plus gilt auch die an der Nahtstelle zu Asien strategisch günstige Lage der Türkei für Projekte in den benachbarten Regionen. Die Türkei könnte als Sprungbrett für deutsche und europäische Unternehmen auf ihrem Expansionsweg in den Nahen und Mittleren Osten dienen.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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