Deutscher Kunstmanager seit Monaten in Haft
In den Fängen des chinesischen Staatskapitalismus

Der Kunstspediteur Nils Jennrich wurde wegen Schmuggels verhaftet und sitzt isoliert in einem chinesischen Gefängnis. Anklage wurde nicht erhoben. Beobachter vermuten dahinter eine Staatskampagne - und keinen Einzelfall.
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PekingEigentlich will Nils Jennrich an diesem Donnerstag  im März früh nach Hause gehen. Er muss nur noch schnell seinen Rucksack packen, dann will er mit seiner Verlobten Jenny Dam, 29, für ein verlängertes Wochenende nach Kashgar tief im Westen Chinas fliegen. Sie ist Schwedin chinesischer Herkunft. Im Mai wollen die beiden in Schweden heiraten. Die Einladungen sind bereits verschickt. Jennrich druckt noch die Air China Flugbestätigungen aus. Gerade als er seinen Computer herunter fährt, betritt eine Gruppe uniformierter Beamter des Pekinger Zolls die Büros der Kunstspedition Integrated Fine Art Solutions (IFAS) in Peking in der Nähe des bekannten Künstlerviertels 798.

Jennrich, der seit fünf Jahren in China lebt, ist dort angestellt. Der 32jährige studierte Betriebswirt arbeitet als Speditionsmanager. In diesem Augenblick ahnt Jennrich noch nicht einmal, was ihm noch bevorstehen sollte: Mehrere Monate in einer überfüllten Gefängniszelle, und das ohne Anklage und Aussicht auf Entlassung. Der 32-Jährige gerät in die Fänge einer Justiz, die ihre eigenen Regeln nicht respektiert. Zwar hat sich die Rechtssicherheit in China in den letzten Jahren deutlich verbessert. Aber immer wieder geraten westliche Geschäftsleute in dem boomenden Land unter die Räder. Wie Jennrich kann es leider jedem deutschen Manager ergehen.

Ärger hat er in China nie gehabt. Warum auch? Jennrich verschickt und lagert Kunstwerke. Torsten Hendricks, sein Chef und Gründer des Unternehmens hat einen guten Ruf in der internationalen Kunstlogistik. Jennrich interessiert sich nicht für Kunst. Logistik ist seine Leidenschaft. 

Aber er sammelt selbst auch etwas: Coca-Cola Dosen. Er besitzt eine der größten Sammlungen der Welt. Rund 7000 Dosen. Nils Jennrich ist ein ruhiger ausgeglichener Mensch. Er ist wenig aufgeregt als die Zöllner sein Büro durchsuchen. Womöglich hat einer unserer Kunden etwas ausgefressen, denkt er. Bereitwillig händigt er den Zöllnern aus, was sie wollen. Er hat ja nichts zu verbergen. Er ärgert sich nur, dass er nicht pünktlich zu Hause sein kann. „Dauert länger. Zoll ist da“, schreibt er seiner Freundin Jenny Dam in einer SMS. Dam versteht sofort. Sie arbeitet selbst bei einer der größten  deutschen Speditionen  in Peking.

Die Fahnder beschlagnahmen Aktenordner und Computer. Eine Inventarliste der konfiszierten Gegenstände, die Jennrich nach chinesischem Recht eigentlich gegenzeichnen müsste, bekommt er nie zu sehen. Das wundert ihn schon. Gegen 21 Uhr fahren sie ab – Nils Jennrich und zwei chinesische Kollegen sollen mitkommen. Im Wagen der Zollfahndung geht es zum Dezernat für Schmuggel, in einem Zoll-Hochhaus an der Jinsong-Strasse im Osten der Stadt. Dort angekommen muss er seiner Verlobten immer wieder eine SMS schreiben, dass es wohl noch etwas dauern werde.

Kommentare zu " Deutscher Kunstmanager seit Monaten in Haft: In den Fängen des chinesischen Staatskapitalismus"

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  • Man kann mal wieder erkennen, wie viel Unkenntnis über China in Deutschland herrscht. Seine Freunde auf Facebook kann man nicht erkennen. Welche Facebook-Verbindungen sind denn interessant? Das würde mich doch interessieren? Ich konnte keine erkennen.
    Ja jetzt vergleicht man wieder China mit dem Rechtsstaat in Europa und in den USA. Wer China mit Europa bzw. den USA vergleicht, hat nichts verstanden.
    Wie viele Deutsche Staatsbürger sitzen den in China zur Zeit? Ich nehme an keiner. Wie ist es denn möglich in China Kunst zu schmuggeln, wenn man Kunst offiziell angeben muss? Wer profitiert denn davon?
    Ich war jahrelang in China taetig und habe dort lange gearbeitet. Aber die letzten Jahre wurden einfach unerträglich. Die Leute werden unterdrückt, ins Gefängnis gesteckt und eine aktive Meinungsmache und -Hetze gegenüber Ausländern betrieben. Falls in Deutschland 40 Deutsche einen Chinesen durch die Strassen hetzen würden, ihn fast zu Tode prügeln und man dann auf einem Blog schreibt, dass er das verdient hat wie 10,000 Kommentare zu diesem Fall, dann hätte man aber ein Problem. In China passiert das alltäglich, aber keiner schreibt dazu. China ist auf dem Weg in die Vergangenheit. Das Mittelreich wird auferstehen und man benötigt keine Ausländer mehr, erst Recht, falls man den Markt selbst bearbeiten kann. So ist es nun mal und in dieser Branche scheint das nun der Fall zu sein. Selbst VW, Siemens und Konsortien werden nur toleriert, da man sie benötigt, alle anderen werden langsam verdrängt. Der Fremdenhass und die Intoleranz gegenüber allen Ausländern nimmt zu.
    Aus welchem Grunde gehen ansonsten denn mittlerweile hunderttausende in Hong Kong auf die Strassen? Sie sind selbst Han-Chinesen aber sie haben wenigstens die Mentalität der Chinesen verstanden und wissen was passiert, falls China in 35 Jahren die Macht übernehme

  • @ HotSix

    Wenn er "geschmuggelt hat", wie Sie behaupten, warum wird er dann nicht angeklagt?

    Whher wollen Sie denn überrhaupt wissen, daß er "geschmuggelt hat"?

    Wenn sein "Sein Google+ und Facebook-Account interessante Verbindungen zu Tage bringen", warum wollen Sie hier nicht sagen welche das sind, und was Sie daran so intereesant finden?

    Oder alles nur dummes Gewäsch?

    (...)

    +++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

  • Gut, dann soll er eben schmoren. Tut uns ja auch nicht weh hier vorm PC. Im Sandkasten haben wir Schnecken mit Stöcken traktiert, jetzt gucken wir mal, wann sich einer (wie wir) selbst zerlegt. Aber bitte noch die live-Kamera aus dem Chinaknast zuschalten! Findet sich bestimmt ein Sponsor bei VW, BASF oder Siemens Hausgeräte. Das quirlt!

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