Deutschland/Polen
Zurück ins polnische Einkaufsparadies

Nie fuhren Deutsche lieber nach Polen als heute: Wegen der Krise ist das Shoppen dort billiger denn je. Das führt zu ganz neuen Problemen.

SLUBICE. Das Konjunkturprogramm für Polens Wirtschaft kommt heute wieder auf sechs mal zwei Beinen. Es heißt Ramona und Dieter, Ilse und Werner, Mandy und Volkmar.

Werner ist der Erste an diesem Tag, der eine Pause braucht, auch ein Konjunkturprogramm stößt mal an seine Grenzen. Werner, gut beleibt, trägt eine rote Baseballkappe, raucht und spült zufrieden einen Schluck „Lech“-Pilsener aus der Dose hinterher. Es ist kurz vor Mittag in Slubice am Ostufer der Oder. Werner steht vor dem „Biedronka“, einem zweistöckigen Provinz-Einkaufszentrum mit Supermarkt. Im Erdgeschoss gibt es einen Fleischer, im ersten Stock einen Elektromarkt. Seine Frau ist noch irgendwo drinnen unterwegs, bepackt mit vollen Einkaufstüten.

„Meine Frau“, sagt Werner, „hat mein volles Portemonnaie. Die kauft den ganzen Laden leer.“ Wie neuerdings wieder jeden Samstag.

Sie sind zurück im Schnäppchenparadies Polen, sechs Rentner, aber nicht nur sie. Die Deutschen fahren wieder scharenweise nach Polen, um einzukaufen, die Wirtschaftskrise macht's möglich. Ganz Europa hat Probleme. Nur dieses kleine polnische Dorf verweigert sich der Krise. Slubice, auf der polnischen Seite der Oder, bis Ende des Zweiten Weltkriegs als „Dammvorstadt“ ein Teil von Frankfurt an der Oder.

Zwar sieht es hier noch fast immer so grau aus wie in den 80er-Jahren, als die DDR und Polen noch sozialistische Bruderstaaten waren, und der Geruch von Braunkohle hängt in der Luft. Zwar haben die knapp 17000 Einwohner darunter zu leiden, dass in ihrem Land die Währung, der Zloty, dramatisch an Wert verloren hat und ihre Einkommen immer weniger wert sind, wenn sie über den Fluss zum Einkaufen ins Euro-Land fahren.

Dafür gibt es nun wieder Ramona und Dieter, Ilse und Werner, Mandy und Volkmar. Es gibt die andere Seite. Den kleinen Grenzverkehr in Richtung West nach Ost.

Die Ostdeutschen, die kamen seit ewigen Zeiten nach Polen, wegen der Zigaretten, an denen die Finanzminister nicht mitverdienten und die deshalb derzeit nur 17 Euro die Stange kosten. Dann boomte Polens Wirtschaft, der Zloty stieg, und die Leute aus Slubice und anderswo machten zum Shoppen rüber nach Westen – weil es dort billiger war als daheim.

Doch nun hat die Krise auch Polen erfasst. Letztes Jahr fünf Prozent Wirtschaftswachstum, dieses Jahre voraussichtlich gar kein Wachstum. Mitte 2008 gab es einen Euro für gut drei Zloty, heute sind fast fünf fällig. Seither parken vor dem Lidl-Markt in Slubice wieder Autos mit Kennzeichen aus Hannover, Hamburg oder Berlin. Eine Zeit lang hatte sich das nicht gelohnt, der Schnäppchenausflug hierher, eine Zeit lang war es wieder billiger, in Deutschland einzukaufen. Bis die Polen Probleme mit ihrem Zloty bekamen.

Nun kommen die Nachbarn aus dem Westen wieder, und in den Regalen des Supermarkts im „Biedronka“ deuten aufgerissene Mehltüten darauf hin, dass die deutschen Kunden für Probleme, die ihnen ihre mangelnden Polnischkenntnisse bereiten, sehr pragmatische Lösungen finden. Wer nicht auf Anhieb erkennt, welche der vier angebotenen Mehlsorten in einer Tüte verpackt ist, prüft eben den Inhalt mal eben selbst. Ritsch, ratsch. Das Kilo Weizenmehl kostet bei Lidl Polska umgerechnet 21 Cent, fast die Hälfte dessen, was die Einkäufer 500 Meter entfernt auf der deutschen Seite der Oder zahlen. Lidls Dulgano-Schinken liegt in Slubice als „Szynka Szwarcwaldzka“ zu 1,71 Euro für 200 Gramm im Kühlregal. 28 Cent billiger. Und sogar der Name klingt nach Heimat.

Nach dem Gesetz der Massenerhaltung müsste das bedeuten, dass Lidl in Deutschland weniger verkauft, wenn die Deutschen plötzlich bei Lidl Polska kaufen. Aber eine Unternehmenssprecherin mag dazu nichts sagen. Vielleicht muss sie das auch nicht. Vielleicht reicht es hinzusehen.

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