Deutschland-Studie
„Economist“ bürstet wieder gegen den Strich

Vor einem halben Jahr, als Deutschland im Jammertal war, sorgte das britische Wirtschaftsmagazin Economist mit einer Titelstory über die überraschend starke Wirtschaft hierzulande für Aufsehen. Inzwischen hat sich die Stimmung schwer gebessert - und der „Economist“ malt Deutschlands Zukunft in den dunkelsten Farben.

BERLIN. Zur Erinnerung: Im August vergangenen Jahres wirbelte eine andere Titelgeschichte des „Economist“ den Bundestagswahlkampf durcheinander. „Germany's surprising economy“ titelte das Blatt damals und ließ Damals-noch-Kanzler Gerhard Schröder frohlocken. Genüßlich zitierte er in Interviews aus der Geschichte mit dem positiven Tenor, die die Union kurzfristig ratlos werden ließ - hatte sie doch stets getrommelt, Deutschland sei unter Schröder vollständig heruntergewirtschaftet worden.

Berlin, nicht einmal ein halbes Jahr später: Derselbe „Economist“-Korrespondent, Ludwig Siegele, schreibt wieder eine Titelgeschichte zu Deutschland - und lässt den Bundesadler, den er vor sechs Monaten mit Supermuckis ausstattete, plötzlich schlapp aussehen. Jetzt, da alle vom Aufschwung reden, die Unternehmer zuversichtlich in die Zukunft schauen wie lange nicht mehr, jetzt streut Siegele Salz in jene Wunden, die die Deutschen allzu gerne verheilt sehen würden. „Waiting for a Wunder“ steht auf der Titelseite - die Deutschen hätten sich darauf verlegt, auf eine positive Zukunft zu warten, anstatt die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

„Deutschland befindet sich im Aufschwung, eine solide Basis aber fehlt“, heißt es in der Studie. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive habe sich die Lage in den vergangenen Monaten zwar stark verbessert. „Bei genauem Hinsehen aber wird deutlich, dass Deutschland seine strukturellen Probleme noch lange nicht gelöst hat“.

Der unflexible Arbeitsmarkt und das dreigliedrige Schulsystem trieben einen Keil in die Gesellschaft. Für Hochqualifizierte wie für Investoren sei Deutschland nicht wirklich attraktiv, und die ungelösten Probleme bei der Integration von Zuwanderern würden auf Dauer die wirtschaftliche Dynamik bremsen.

Als Deutschlands große strukturelle Baustellen macht Siegele vor allem aus: Das föderalistische System mit der unzureichend ausbalancierten Machtverteilung zwischen Bund und Ländern, ein „Gehirne verschwendendes“ Schulsystem, das in anderen europäischen Staaten lange überwunden sei, ein Arbeitsmarkt, der viele zu viele Leute von Erwerbsarbeit einfach ausschließe - und dennoch gebe Deutschland noch immer Unsummen für die Finanzierung der Arbeitslosigkeit aus und verhindere so, dass die Lohnnebenkosten sänken.

Wenn Deutschland seine Probleme nicht ernsthaft angehe, so der Tenor der Studie, drohten den Deutschen genau jene amerikanischen Verhältnisse, die die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich um jeden Preis verhindern wolle: „Eine gespaltende Gesellschaft, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet.“

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