Deutschlands Amerika-Bild
Der fremde Freund

Auch wenn Barack Obama noch lange nicht US-Präsident ist, schon jetzt hat der Polit-Star das Amerika-Bild der Deutschen verändert. Vom Teufel Bush zum Heilsbringer Obama - die deutsche Wahrnehmung Amerikas ist nicht nur im Fall Obamas viel zu oft von Schwarz-Weiß-Denken geprägt. Die Bekenntnisse eines langjährigen New-York-Korrespondenten.

HB. Vor mir sitzt Amerikas Hoffnung, seine Augen sind müde nach diesem langen Wahlabend in Chicago. Sein Blick schweift hinweg über die wenigen Reporter, die ihn nach seinem Fernsehauftritt in einem Lokalsender mit Fragen bombardieren. Der jugendliche Politstar scheint seiner Zeit entrückt und voraus zu sein. So wie einige Wochen zuvor auf dem Parteikonvent der Demokraten in Boston, als er das ganze Land zur politischen Versöhnung aufforderte. Mit einer brillanten Rede hatte sich der damals 43-Jährige über Nacht in das politische Bewusstsein Amerikas katapultiert. Viele spürten danach, dass sie von Barack Obama noch viel mehr hören würden.

Das war im Herbst 2004. Vier Jahre später ist der Mann, dessen Spuren ich in jenen Tagen in der Southside von Chicago verfolgte, auf dem Sprung ins Weiße Haus. Zwar führt er in den Umfragen nicht haushoch wie vor vier Jahren, als er sich um einen Sitz im US-Senat bewarb. Doch für eine wachsende, weltweite Fangemeinde ist der schwarze Jungstar bereits der nächste Präsident Amerikas. Und wir Deutsche, die wir angeblich so sehr unter den vergangenen fast acht Bush-Jahren gelitten haben, sind besonders gläubige Jünger.

"Der schwarze Kennedy" heißt der Untertitel einer Biografie über den Kandidaten. Die "Zeit" sieht in dem Politstar bereits einen "Präsidenten für die Welt". 200 000 Berliner strömten auf die Straße des 17. Juni, um seine Rede vor der Siegessäule zu hören - und endlich wieder das gute Amerika zu sehen.

Quasi über Nacht hat sich unser Bild vom fremden Freund jenseits des Atlantiks wieder einmal verändert. Vom "Teufel" Bush zum Heilsbringer Obama in einem Gedankensprung. Dass der Polit-Messias aus Chicago mit seinem Bekenntnis zum Waffenbesitz und dem begrenzten Einsatz der Todesstrafe durchaus amerikanische Ecken und Kanten hat, haben viele noch gar nicht wahrgenommen. Und dass ein Präsident Obama nicht zögern würde, vitale amerikanische Interessen notfalls militärisch durchzusetzen, wird erst mal verdrängt. Unser Amerika-Bild ist grell - im Guten wie im Bösen. Für Grautöne ist da nur selten Platz.

Das Wechselbad der Gefühle für Bush und Obama ist zugleich Ausdruck unserer ambivalenten Empfindungen für Amerika. Immer wieder reiben wir uns an den berüchtigten "amerikanischen Verhältnissen" - ohne sie wirklich zu kennen. Genauso oft werden wir jedoch von dem Land und besonders von seinen Menschen in den Bann gezogen. Vom iPhone über die "Forbes"-Liste der Superreichen und die letzten Klatschmeldungen aus Hollywood bis hin zum Super Bowl - Produkte, Menschen und Ereignisse "made in USA" finden weltweit reges Interesse. Mit einer Mischung aus zynischer Abgeklärtheit und heimlicher Bewunderung betrachten wir den unerschütterlichen Optimismus Amerikas. Dieser Glaube an das amerikanische Credo "Nothing is impossible", an den "American Dream" erscheint uns lachhaft und faszinierend zugleich. Um wie viel ärmer wäre unser Leben ohne diesen Spiegel unserer Hoffnungen und Sehnsüchte.

Die Bush-Jahre haben die Gefühle für Amerika bei vielen Deutschen unter den Gefrierpunkt gedrückt. Dabei haben wir allzu oft nur das wahrgenommen, was wir sehen wollten. So galt Amerika während des Irak-Feldzugs als ein Land der Kriegstreiber. Dass die politische Debatte über den richtigen Kampf gegen den Terror in den USA genauso tobte wie in "Old Europe", wurde bei uns kaum zur Kenntnis genommen. Als Enron, Worldcom & Co im Strudel von Bilanzskandalen untergingen, traute man der US-Wirtschaft nicht mehr über den Weg. Dass die Skandalsünder rigoros verfolgt wurden und vielfach in Handschellen hinter Gitter wanderten, wurde oft übersehen.

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