DHL-Abwanderung schürt Krisenszenarien
In Belgien tauchen alte Spaltungspläne neu auf

Die Kritik der Wirtschaft an der chaotischen Verhandlungsführung der Regierung mit dem deutschen Flugkurierdienst DHL hat der Debatte über eine Spaltung Belgiens neue Nahrung gegeben. Die Posttocher hatte in der vergangenen Woche das Aus für ihre Ausbaupläne auf dem Brüsseler Flughafen ankündigt.

BRÜSSEL. „Das war eine Aktion von Amateuren“, schimpft der Direktor der Luftfrachtvereinigung BAFI, Eddy Van Craen. „Das große Debakel“ komme aber noch, wenn internationale Investoren „durch das Regierungschaos vom Standort Belgien Abstand nehmen“. Von einem „Zirkus, in dem die Emotionen regierten“, sprach der Brüsseler DHL-Sprecher Xavier De Buck. Die endgültige Entscheidung, ob DHL ihr Europadrehkreuz in Leipzig aufschlägt, falle Mitte November.

In die Schuldzuweisungen mischen sich nun Szenarien über eine Spaltung Belgiens. Vor allem die Flamen hätten in Form von Arbeitsplätzen durch einen Ausbau der DHL- Aktivitäten profitiert, die überwiegend frankophonen Brüsseler hatten sich wegen einer steigenden Lärmbelastung aber dagegen gewehrt. Ständig habe die Regierung der DHL neue Auflagen erteilt, sagte Sprecher De Buck. DHL organisiert täglich für 20 000 belgische Exportbetriebe den internationalen Transport. Wenn der Kurier wie angekündigt ab dem Jahr 2008 um 1 500 Arbeitsplätze in Belgien schrumpfen wird, bangen Regionalpolitiker auch bei anderen Logistikbetrieben um Arbeitsplätze.

Ohnehin wünscht fast jeder zweite Flame die Gründung eines autonomen Staates, ergab eine Studie der Tageszeitung „Le Soir“. Die Flamen stellen mit 57,8 Prozent die Bevölkerungsmehrheit. Ein autonomes Flandern ist seit langem Forderung des erstarkenden rechtsextremen Vlaams Blok. Gleichzeitig werden in einem so genannten institutionellen Forum, das nur Wahlkreisbereinigungen zwischen dem südlichen Wallonien und Flandern im Norden behandeln sollte, erste Pläne zu einer Verfassungsänderung gewälzt. Nach Wunsch der flämischen Konservativen CDV und wachsender Teile der liberalen flämischen Partei VLD, welche den Ministerpräsidenten stellt, könnte dies auf eine lose belgische Konföderation mit zwei weitgehend autonomen Teilstaaten hinauslaufen.

Für die Wallonen mit ihrer Landeshauptstadt Namur wäre die Spaltung ein Desaster. Nach einer Untersuchung der dortigen Universität wäre die Wallonie, die sich von den Krisen eines alten Stahl- und Kohlereviers nie richtig erholte, alleine wirtschaftlich nicht lebensfähig. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in Flandern um 38 Prozent höher als in der Wallonie, die Arbeitslosenrate rund zehn Prozent niedriger. Die Universität Leuven berechnete, dass jährlich 5,4 Mrd. Euro aus dem nördlichen Landesteil in den Süden fließen, zur Stütze der Sozialkasssen und der Verwaltung.

Zwischen den beiden belgischen Sprach-und Volksgruppen herrscht seit langem ein tiefgründiges kulturelles Misstrauen. 43 Prozent der Flamen glauben, dass die Wallonen ihnen „nur auf der Taschen liegen“. Mit einem Appell an seine Sprachgruppe warnte der Präsident des Nationalparlaments, Hermann de Croo, ein liberaler Flame, jedoch vor einem separatistischen Abenteuer: „Ein Drittel der Wallonen leben auf Staatskosten, ich weiß. Wenn wir ihnen aber die paar Milliarden streichen, werden wir an unseren Grenzen ein kleines, verarmtes Völkchen vorfinden.“

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