Dick Cheney
Bushs Flintenmann schießt quer

Aus ein paar Kugeln Schrot hat sich eine Staatsaffäre mit ungewissem Ausgang entwickelt: Seit US-Vizepräsident Dick Cheney einen Jagdkumpan anschoss, entwickeln sich die Dinge für das Weiße Haus katastrophal. Presse und Opposition rücken Cheney auf die Pelle, nun hat das Opfer auch noch einen Herzinfarkt erlitten.

HB WASHINGTON. Der 78-jährige Anwalt Harry Whittington sei am Dienstag auf die Intensivstation verlegt worden, als eine der Schrotkugeln in seinem Körper in Richtung Herz gewandert sei, sagte ein Krankenhaussprecher am Mittwoch im texanischen Corpus Christi. Es handele sich um einen leichten Infarkt. Der Mann werde noch mindestens sieben Tage in der Klinik bleiben müssen. Cheney hatte den Texaner bei einer Wachtel-Jagd am Samstag an Wange, Hals und Brust getroffen.

Das Weiße Haus hat erkennbar Schwierigkeiten, in der Angelegenheit den richtigen Tonfall zu treffen. Erst spielte Sprecher Scott McClellan den Umstand herunter, dass der Jagdunfall erst mit einem Tag Verspätung bekannt gemacht wurde - nachdem die Besitzerin des betreffenden Jagdgebiets eine Zeitung informiert hatte. Am Mittwoch wurde McClellans Ton schroffer: „Sie können gern weiter Zeit darauf verwenden“, kanzelte er fragende Journalisten ab; die Regierung werde sich jedenfalls um die wichtigen Themen für das amerikanische Volk kümmern. „Darauf konzentrieren wir uns.“

Der Jagdunfall ist ein weiterer Rückschlag für die Bemühungen des Weißen Hauses, verloren gegangene politische Glaubwürdigkeit wieder zu gewinnen. Dabei galt Cheney zu Beginn der Präsidentschaft von George W. Bush als gestandener Politiker, als eine Art Mentor seines unerfahrenen Chefs. Nun aber ist die Zustimmungsrate des 65 Jahre alten Vizepräsidenten auf 24 Prozent gefallen, denn Cheney stand bereits im Mittelpunkt anderer Affären.

So beharrte der Falke darauf, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge, was eine zentrale Begründung des Irak-Kriegs war. Auch als herauskam, dass Bush auf dem Boden der USA Terrorverdächtige ohne richterliche Genehmigung abhören ließ, stand Cheney für die Regierung an vorderster Front. Zuletzt geriet er in der Affäre um die Enttarnung einer CIA-Agentin ins Zwielicht. Sein inzwischen zurückgetretener Stabschef Lewis „Scooter“ Libby sagte vor einer Grand Jury aus, seine Vorgesetzten hätten ihm erlaubt, als geheim eingestufte Informationen an die Presse weiterzugeben. Die Demokraten möchten nun wissen, ob Cheney einer dieser Vorgesetzten war.

„Diese Dinge werden zu Symptomen einer größeren Sorge wegen Cheney“, sagt Paul Light von der Universität New York. Gemäßigte und liberale Amerikaner seien wütend über den Vizepräsidenten. Sie glaubten, dass er in vielen Dingen die treibende Kraft sei. „Vizepräsidenten können davon kommen, wenn sie Leute mit Golfbällen treffen, aber nicht, wenn sie Leute mit der Schrotflinten niederschießen“, erklärt der Professor.

Cheney selbst hat bislang alle Fragen zu seinem Fehlschuss vom Sonnabend umgangen. Sein Büro veröffentlichte eine dürre Erklärung zum Gesundheitszustand seines unfreiwilligen Opfers. Cheney habe mit ihm vom Weißen Haus aus telefoniert, hieß es. Experten halten es allerdings für extrem unwahrscheinlich, dass Präsident Bush seinen Vize fallen lässt. Cheney ist beliebt bei der konservativen Basis der Republikaner. Falls Bush seine Stellvertreter zum Rücktritt drängen sollte, würde das erhebliche Probleme schaffen, meint der Politologe Ross Baker von der Rutgers University. „Zudem ist Cheney fast ein Mitglied der Bush-Familie. Der Präsident würde Cheney genauso wenig aus dem Boot stoßen wie Jeb“, meint Baker unter Anspielung auf den Bruder des Präsidenten, den Gouverneur von Florida.

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