International
Die Ära der Autokraten geht zu Ende

Mit dem steigenden Wohlstand hält in Asien auch größere politische Freiheit Einzug. Nirgendwo auf der Welt haben in den letzten zwei Jahrzehnten mehr Menschen demokratische Grundrechte errungen. Doch anders als der Wachstumsschub, der Millionen von Menschen aus bitterer Armut erlöst hat, findet dieses politische Wunder kaum Beachtung.

HB SINGAPUR.Deutliches Zeichen für den Vormarsch der Demokratie ist der diesjährige Wahlmarathon in Asien. In einem Dutzend Abstimmungen bestimmten über eine Milliarde Wahlberechtigte von der Mongolei bis nach Sri Lanka neue Präsidenten oder Parlamente. Selbst in blutjungen, von sozialen und religiösen Spannungen heimgesuchten Demokratien wie Indonesien verliefen die Urnengänge weitgehend friedlich, fair und frei. In vielen Fällen sandte das Wahlvolk überraschende und reife Botschaften: In Indien wurden die Herrscher für ihre hindu-nationalistische Ideologie, die die Gesellschaft spaltet, abgestraft. Gleichzeitig forderte das Heer der Armen eine sozial ausgeglichenere Entwicklung. In den überwiegend moslemischen Ländern Malaysia und Indonesien kehrten Bürger religiösen Extremisten den Rücken und belohnten säkulare Kandidaten, die ein Ende der Korruption versprachen. Politikexperten führen beide Länder als Beleg dafür an, dass Demokratien dem militanten Islam eher den Stachel ziehen als die in weiten Teilen der moslemischen Welt vorherrschenden totalitären Systeme.

Nach einem chaotischen Start im Sog einer implodierenden Diktatur bietet Indonesiens Demokratie dem Land eine Chance zur Erneuerung. Bei der erstmaligen Direktwahl des Präsidenten im September hat Susilo Bambang Yudhoyono gute Aussichten auf das höchste Amt. Viele halten ihn für den besten Kandidaten, um die unreifen Institutionen des Landes zu stärken und Korruption, Kumpelkapitalismus und Terror einzudämmen. Jeder Präsident, dem das gelingt, würde das Fundament für ein besseres Investitionsklima und die Erholung der Wirtschaft legen.

Der überraschend reibungslose Übergang Indonesiens zur drittgrößten Demokratie der Welt steigert den Rechtfertigungsdruck auf die schwindende Zahl autoritärer Regime in Asien. Um diese zu legitimieren, taugt das abgenutzte Stabilitätsargument immer weniger. „Indonesien beweist, dass Wahlen nicht automatisch zu Unruhen und Chaos führen“, sagt Steven Gan, Herausgeber von „Malaysiakini“, dem einzigen Oppositionsmedium in Malaysia. „Langfristig sind Diktaturen sowieso instabiler als Demokratien“, meint der Volkswirt einer europäischen Großbank, „denn sie haben keine Stoßdämpfer.“ Irgendwann würden auch die politischen Systeme in China, Vietnam, Myanmar und Nordkorea „ganz plötzlich“ zusammenbrechen, glaubt der Ökonom, „so wie Suhartos Indonesien“.

Den Parteikadern in China und Vietnam ist bewusst, dass sie steigenden Wohlstand bieten müssen, wenn sie ihre Macht erhalten wollen. Das zwingt sie zu einer pragmatischeren Wirtschaftspolitik, als sie sich etablierte Demokratien in der Region leisten, etwa Indien. In beiden Ländern geht ökonomischer Erfolg mit einer Lockerung der Parteikontrolle über Wirtschaft und Privatleben einher. In Myanmar, das unter der Militärjunta in immer tiefere Armut absteigt, und im verelendeten Nordkorea halten sich die Regime dagegen allein mit Gewalt. „Alle anderen autoritären Systeme Asiens reagieren auf steigende demokratische Ansprüche und werden flexibler“, erklärt Steven Gan.

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