Die Banlieues zehn Jahre nach den Unruhen
Die Angst vor der Explosion ist zurück

Die Bilder schockierten Frankreich: Über Wochen lieferte sich die Polizei Straßenschlachten mit aufgebrachten Jugendlichen. Die Unruhen von 2005 wurden zum Fanal der Banlieue-Problematik. Was hat sich seitdem getan?

ParisEs ist ein gefährliches Gemisch aus Hoffnungslosigkeit, Ausgrenzung und Wut auf das System, das sich in den Betontürmen der französischen Vorstädte aufgestaut hat. Als am 27. Oktober 2005 zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafohäuschen an Stromschlägen sterben, kommt es zur Explosion. Wochenlang lassen junge Menschen vorwiegend aus Einwandererfamilien ihren Frust in Gewalt aus, die „Cités“ werden zum Kampfgebiet.

Zehn Jahre nach dem Beginn der Banlieue-Unruhen ist das Problem nicht gelöst: Noch immer wirkt Frankreich ratlos angesichts der „Ghettoisierung“ und „sozialen Apartheid“ seiner Problemviertel. Und infolge der islamistischen Anschläge vom Januar schwingt nun auch die Angst vor einer Radikalisierung ausgegrenzter Jugendlicher mit. Es sei wenig überraschend, dass diese gerade in den heruntergekommensten Vierteln Erfolg hat, warnte der sozialistische Abgeordnete Malek Boutih in einem Bericht für Premierminister Manuel Valls.

Die Regierung zeigt zum Jahrestag nun demonstrativ Flagge. „Der Schmerz, die Bilder, die Narben sind noch da“, sagte Valls. Gleich 18 Kabinettsmitglieder besuchten am Montag die Gemeinde Les Mureaux im Pariser Umland. Körperkameras für Polizisten, die deren Verhalten dokumentieren, sollen helfen, das Vertrauen der Jugendlichen in die Behörden wieder herzustellen. Kommunen sollen zum Bau von Sozialwohnungen gedrängt werden, Diskriminierungen bei der Jobsuche bekämpft werden.

Präsident François Hollande war schon letzte Woche in La Courneuve, um eine neue Agentur für wirtschaftliche Entwicklung in Problemregionen einzuweihen. In der Republik gebe es kein „verlorenes Viertel“, beteuerte er. Schon nach Terrorserie Anfang des Jahres hatte die Regierung ein neues Paket vorgelegt, um die Ungleichheit zu bekämpfen.

Doch die Bilanz von zahlreichen Banlieue-Plänen und zig Milliarden, die in den vergangenen Jahrzehnten die sozialen Brennpunkte geflossen sind, fällt bislang verhalten aus. Zwar wurden tausende Wohnungen auf Vordermann gebracht oder gleich ganz neu gebaut. Aber noch immer ist dort die Arbeitslosigkeit doppelt so groß wie im Rest Frankreichs, das Einkommen niedriger, leben mehr Menschen unter der Armutsschwelle.

Seite 1:

Die Angst vor der Explosion ist zurück

Seite 2:

„Das war eine Revolte“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%