Die Geschichte des Andrew Speaker
Amerikas Staatsfeind Nummer eins

Am Ende hatte er einfach nur Angst, und er wollte nach Hause, egal wie, egal auf welchem Weg. Dass er nicht mit Nachsicht empfangen werden würde, muss Andrew Speaker klar gewesen sein. Aber dass er einige Tage lang zu Amerikas neuem Lieblingsfeind anvancierte, das hat den smarten Anwalt dann doch überrascht. Was hatte Speaker, 31, erfolgreich, frisch verheiratet, aus guter Familie, getan?

ATLANTA. Andrew Speaker war gereist. Quer durch Europa und durch Amerika. Von Atlanta nach Paris und weiter nach Athen, Santorin, Mykonos, wieder nach Athen, Rom, Prag, Montreal, New York und zurück nach Atlanta. Wissend, dass er mit Tuberkulose infiziert war. Er reiste gegen die Empfehlung seiner Ärzte, eine jet-settende biologische Zeitbombe, meinten viele. Während er sich in Europa aufhielt, verhängten die US-Grenzbehörden ein Einreiseverbot gegen ihn, das er missachtete.

Er flog er von Rom nach Prag, von Prag nach Montreal in Kanada, mietete sich ein Auto und reiste auf dem Landweg in die USA ein. In New York ging er in ein Krankenhaus, dort griffen die Behörden zu und überstellten ihn unter Aufsicht von Bundesmarschalls nach Atlanta.

Andrew Speaker zeigte seinem von Terrorangst hysterisierten Land, wie leicht es ist, mit einer hochansteckenden Krankheit die Grenzen zu überwinden. Diese Lektion hat eine heiße politische Debatte ausgelöst. Die amerikanischen Gesundheits- und Grenzbehörden müssen sich die Frage stellen lassen: Wie gut ist Amerika gerüstet für den Ausbruch von Epidemien und für einem Angriff von Bioterroristen?

In einer eilig anberaumten Sitzung des Senats in Washington sprachen Politiker von „bürokratischem Missmanagement“ und von einem „völligen Versagen der Gesundheitsbehörden“.

Mittlerweile wird Andrew Speaker im National Jewish Medical and Research Center in Denver behandelt, das auf Tuberkulose spezialisiert ist. Er steht als erster US-Bürger seit 1963 unter Zwangsquarantäne. Seine Aussichten sind gut, sagen die Ärzte. Seine Infektion sei derzeit „wenig ansteckend“. Typische Symptome wie Husten, Schwäche, Fieber hatte er nie. Seine Frau und deren achtjährige Tochter, seine Eltern und seine Schwiegereltern sowie einige der Passagiere, die im Flugzeug in der Nähe des Patienten saßen, wurden negativ getestet. Andrew Speaker, sagt der zuständige Arzt in Denver, Charles Daley, sei „eine so große Gefahr wie Du und ich“. Soll heißen: Kaum eine.

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