Die Koalition der (Un)willigen – Teil III
Stille Nato-Partner aus dem hohen Norden

Militärisch ist Skandinavien zweigeteilt: Die neutralen Schweden und Finnen stehen den Nato-Mitgliedern Dänemark und Norwegen gegenüber. Weder Bündnistreue noch Neutralität sind dabei unerschütterlich.
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StockholmGeköpfte Bürger, gefolterte Männer, vergewaltigte Frauen: Die Brutalität der IS bringt Europa und Amerika an den Rande eines Krieges. Bisher will kein Land Bodentruppen schicken. Das hat bestimmte Gründe. Denn jeder der betroffenen Staaten hat eine eigene Geschichte des Krieges: Wie entscheiden die Briten? Warum tun sich die Deutschen so schwer? Und wieso haben die Franzosen kein Problem mit dem Krieg? Handelsblatt Online stellt in der Serie „Die Koalition der (Un)willigen“ vor, wie die Staaten zum Krieg stehen.

Carl Bildt ist eigentlich immer ein Freund deutlicher Worte. Doch bei seinem Besuch in Bagdad vor sechs Wochen erklärte der schwedische Außenminister, dass Schweden „alles unternehmen wird, um die irakischen Behörden im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat zu unterstützen“. Bildt versprach seinem irakischen Amtskollegen humanitäre Hilfe und finanzielle Mittel. Er musste seine Worte mit Bedacht wählen, denn sein Land ist allianzfrei, gehört somit nicht der Nato an. Ein militärischer Einsatz gegen die Kämpfer des IS ist damit ausgeschlossen.

Schweden verfolgt seit Langem eine klare Linie: Gibt es ein Mandat des Uno-Sicherheitsrats, beteiligt sich Schweden an internationalen Einsätzen. So geschehen in Afghanistan, Libyen und Mali. Ein Einsatz im Irak-Krieg war dagegen für die schwedische Regierung ausgeschlossen, da sich der Sicherheitsrat nicht auf ein Mandat einigen konnte. Auch bei dem aktuellen Kampf gegen die islamische Miliz IS gibt es keine Einigkeit im Sicherheitsrat, sodass der Einsatz aus Sicht der Stockholmer Regierung eine Aktion der USA und einiger Verbündeter ist.

Diese Haltung ist in Schweden über alle Parteigrenzen hinweg unbestritten. Zwar gibt es zwei kleinere Parteien, die offen für eine Nato-Mitgliedschaft des Landes eintreten, doch auch sie wissen, dass eine Mitgliedschaft im nordatlantischen Verteidigungsbündnis in weiter Ferne liegt. Denn vor einem solchen Schritt müsste es in Schweden eine Volksabstimmung geben, und eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung lehnt einen Nato-Beitritt strikt ab. Denn die Neutralitätspolitik hat dem Land einen mehr als 200-jährigen Frieden gesichert. Und für viele Schweden ist die Bündnisfreiheit der Grund für diesen langanhaltenden Frieden.

Daran ändert auch nichts, dass das Bild des neutralen Schweden in den vergangenen Jahrzehnten einen Riss bekommen hat: Nach Öffnung aller Archive weiß man mittlerweile, dass es ganz so neutral, wie es das offizielle Stockholm immer dargestellt hat, nie zugegangen ist. Bereits im Gründungsjahr der Nato, 1949, werden in den Stockholmer Regierungszimmern heimliche Pläne geschmiedet, wie man sich mit Hilfe des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses bei einem Angriff aus dem Osten schützen könnte. Ohne die Bevölkerung aufzuklären, werden Mitte der 50er Jahre sogar schwedische Stützpunkte umgebaut, damit amerikanische und britische Bomber im Notfall dort landen können. Für die USA gilt das offiziell neutrale Schweden denn seit dieser Zeit auch als ein „silent partner“, wie es ein hoher amerikanischer Diplomat der Clinton-Administration vor einiger Zeit ausdrückte.

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Stille Nato-Partner aus dem hohen Norden

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Keiner macht den Schritt auf die Nato zu

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