Die Lage in der Ukraine
Analyse: Frieren für Freiheit

Wie lange können Menschen für die Freiheit frieren? Diese Frage stellt sich angesichts fallender Temperaturen in Kiew jetzt immer häufiger. Denn bisher ignorieren die Machthaber der Ukraine die Massenproteste ihres Volkes einfach, das ihnen die Gefolgschaft aufgekündigt hat.

KIEW. Der zivile Ungehorsam mit Menschenketten um Regierungsgebäude paralysiert bereits die Arbeit der Verwaltung, geben selbst Regierungs-Offizielle zu.

Doch entscheidend für den Ausgang der Konfrontation sind drei Faktoren:

  • Erstens, dass das Volk seine Angst abgeschüttelt hat. Trotz der immer wieder verbreiteten Meldungen, die Machthaber seien zum Gewalteinsatz entschlossen, strömen Hunderttausende auf Demonstrationen. Auch die bisher am Gängelband der Macht gehaltenen Journalisten der Staats-Fernsehkanäle haben trotz des immensen Drucks das Lager gewechselt und berichten inzwischen mehr oder weniger objektiv über die Lage im Land. Damit kracht der ideologische überbau der Machthaber zusammen und die Menschen in allen Teilen des Landes bekommen jetzt richtige Informationen, die ihnen in den meisten Provinzen bisher vorenthalten wurden.
  • Zweitens, das Verhalten der Sicherheitskraefte: Die große Frage lautet – werden sie einem Befehl zum Einsatz gegen die Demonstranten folgen oder Waffen einsetzen, wenn die Opposition den Päsidentenpalast stürmen sollte? Dagegen spricht, dass inzwischen Gruppen von Polizisten zur Opposition überlaufen und Armee-Kommandeure einen Einsatz gegen das eigene Volk ausschließen. Das gefährliche an der Lage aber ist, dass Präsident Kutschma offenbar russische Spezialeinheiten nach Kiew geholt hat.
  • Drittens, die Besonnenheit beider Seiten. Werden Kutschma und Premier Janukowitsch sich dem Druck beugen und auf Gewalteinsatz verzichten? Für sie und die mit ihnen verbundenen Oligarchen stehen Milliarden auf dem Spiel und schon früher hat Kutschma gegen ihn gerichtete – wenn auch deutlich kleinere – Demonstrationen gewaltsam auflösen lassen. Wird aber auch die Opposition ihre Mobilisierungskraft halten können und nicht – wenn bei weiterem Wintereinbruch – viele Menschen zuhause bleiben, gewaltsam den Regierungssitz stürmen? Bisher scheint sich Oppositionsführer Juschtschenko auf die Friedfertigkeit seiner Anhänger verlassen zu können und mit stetem Tropfen den Stein zu höhlen.

Während das Präsidentenlager auf Aussitzen setzt, braucht die Opposition einen langen Atem.

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