0 Bewertungen
28.04.2006 
„Sowjetische AGs“

Die Milliarden-Hypothek

von Jörg Lichter, Christoph Nesshöver

Im April 1952 gab die UdSSR 66 „Sowjetische AGs“ an die DDR zurück. Sie waren nur ein Beispiel für die hohen Reparationen der SBZ, die erst heute ans Licht kommen – ein Archivbesuch.

DÜSSELDORF/POTSDAM. Hauchdünn ist das Durchschlagpapier, auf dem die Besatzungsmacht ihre Befehle kundtut. Am 26. März 1946 beschwert sich Generalmajor Fedotow beim Präsidenten der Provinz Brandenburg über den schleppenden Fortgang der Kabeldemontagen. Erst 90 Kisten für den Abtransport seien fertig – statt 2 000. Nur vier Kabeltrommeln statt 1 900. Würde der Plan nicht eingehalten, würden die Verantwortlichen zu „strenger Verantwortung“ gezogen, lässt der sowjetische Offizier wissen.

„Und das ist noch eine vergleichsweise milde Drohung“, sagt Klaus Jochen Arnold, „für Sabotage an der Demontage konnte die Todesstrafe drohen.“ Vorsichtig schließt der Historiker die Akte und räumt sie zurück ins Regal im brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam.

Nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur durch die Alliierten 1945 müssen Millionen Deutsche in Ost und West mitansehen, wie sich die Sieger bei den Besiegten entschädigen: Mit Industrieanlagen, Fertigprodukten und Rohstoffen stottern die Deutschen ihre Kriegsschuld ab.

Erst seit einem Jahrzehnt wird immer deutlicher, wie ungleich West- und Ostdeutschland von Reparationen betroffen waren. Angesichts dieser enormen Hypothek wundert es fast, dass die DDR 40 Jahre überlebt hat. Das spricht für die Aufbauleistung der Ostdeutschen, die in gewisser Weise so ihr eigenes „Wirtschaftswunder“ vollbrachten.

Während den Westalliierten bald an der wirtschaftlichen Gesundung ihrer Zonen gelegen war und die USA ab 1947 die zukünftige Bundesrepublik mit Marshall-Plan-Geld hochpäppelten, trieb die vom Zweiten Weltkrieg am stärksten verheerte Sowjetunion bis in die fünfziger Jahre ihre Reparationsforderungen mit aller Macht ein. Erst am 29. April 1952, in der 17. Kalenderwoche vor 54 Jahren, gab die UdSSR 66 „Sowjetische AGs“ zurück. Der Tag markiert den Anfang vom Ende der Reparationen in der DDR.

Alles beginnt in Potsdam. Im Juli 1945 beraten US-Präsident Harry Truman, Großbritanniens Premier Winston Churchill und Sowjetführer Josef Stalin in Schloss Cecilienhof über das besiegte Deutschland. Die mächtigen drei am eigens für die Konferenz in Moskau hergestellten runden Tisch sind sich einig: Wiedergutmachung muss sein. Auf 20 Milliarden Dollar setzen die drei die Reparationssumme fest. Die UdSSR soll davon die Hälfte erhalten – obwohl Stalin die Schäden seines Landes auf 130 bis 150 Milliarden Dollar beziffert.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) bedeutet das einen Karthago-Frieden.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Müntefering ist wieder ga...

    Müntefering ist wieder ganz oben

    Franz Müntefering soll Kurt Beck als SPD-Vorsitzenden ablösen. Damit übernimmt der Sauerländer einen Posten, den er schon einmal hatte – und zwar von März 2004 bis November 2005. Er legte damals das Amt nieder, weil er seinen Wunschkandidaten im Parteivorstand nicht al...Bildergalerie 

  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Alles läuft auf ihn zu: Frank-Walter Steinmeier könnte die SPD bei der Wahl 2009 anführen. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick. Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • McCain begeistert die Rep...

    McCain begeistert die Republikaner

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals. Das Parteitreffen rundete dann John McCain mit einer umjubelten Rede ab.Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Ein-Parteien-Parlament in Ankara? 

07.09.2008, 12:18 UhrGlobal Reporting

Wie schnell sich die Zeiten ändern: noch vor sechs Wochen balancierten der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan und seine islamisch-konservative AKP im Verbotsverfahren vor dem türkischen Verfassungsgericht am Rand eines politischen Abgrunds. Nun steht die Partei stärker da als je zuvor. Blog


weiterMadagaskar

Back to the USSR 

20.08.2008Madagaskar

Krieg als Mittel der Politik ist auch im 21. Jahrhundert keine Ausnahme und nicht den Despoten vorbehalten. Blog