Die neuen Konservativen
Das englische Experiment

Die britische Regierung verordnet ihrem Volk die härtesten Sozialeinschnitte seit Jahrzehnten, doch von Protesten und Streiks keine Spur. Die Menschen nehmen die Maßnahmen ungerührt hin, viele unterstützen den Kurs der Tories sogar. Camerons Projekt gemeinsamer Solidarität und Sparsamkeit wird auch im Ausland mit Interesse beäugt.
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HB. Was wären die Briten ohne ihre Geschichte. Immer, wenn die Not am größten ist, beziehen sie sich auf Sternstunden aus der Vergangenheit. "Your Country Needs You!", appellierte der britische Kriegsminister Horatio Herbert Kitchener im Ersten Weltkrieg an seine Landsleute - "Dein Land braucht dich". "Your Country Needs You", beschwor jüngst auch Premierminister David Cameron seine Landsleute. Diesmal warb er nicht um Freiwillige für einen Krieg, sondern für Unterstützung in seinem Feldzug gegen die Staatsverschuldung.

Bislang kommt Camerons Botschaft gut an im Wahlvolk. Gestern präsentierten er und sein Schatzkanzler George Osborne im Londoner Parlament die härtesten Sozialeinschnitte seit Jahrzehnten - und die Briten nahmen es ungerührt hin. Massendemonstrationen wie in Paris? Streiks? Straßenschlachten? Nichts davon. In London schien gestern die Sonne, und das Leben ging ganz normal weiter.

Die Menschen bleiben nicht nur ruhig, viele unterstützen den Kurs der Tories sogar. Die Konservativen machten von allen Parteien die beste Wirtschaftspolitik, sagten 38 Prozent der Briten jüngst in einer Umfrage. Für die Politik der Labour-Partei sprachen sich dagegen nur 25 Prozent aus.

Dass sich in Großbritannien kein Widerstand regt, erklären Experten vor allem mit einem Faktor: Die Menschen hätten bei der Wahl der Tories gewusst, worauf sie sich einlassen. Sie wollten Solidität und Sparsamkeit. Hinzu kommt, dass sich die traumatischen Erfahrungen der späten 70er- und frühen 80er-Jahre tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben haben: "Die Briten haben damals schon einmal erlebt, wie es ist, wenn man beim Internationalen Währungsfonds zu Kreuze kriechen muss", sagt Clemens Fuest, Finanzwissenschaftler an der Universität Oxford.

Kein anderer europäischer Regierungschef wird derzeit weltweit mit so viel Aufmerksamkeit und Neugier beobachtet wie David Cameron, der sein Land mit dem Pathos eines Sozialreformers und der Härte Margaret Thatchers in ein spannendes Gesellschaftsexperiment führt. "Gemeinsam im nationalen Interesse" ist die Devise, mit der die britische Regierungskoalition den Rotstift zückt.

Um das Staatsdefizit von mehr als zehn Prozent in den Griff zu bekommen, verordnet Cameron dem Land Einsparungen, wie sie mit Ausnahme der Iren niemand in Europa vorhat - selbst die Griechen nicht. Um fast ein Fünftel schrumpft der Staatshaushalt in den kommenden vier Jahren. Doch der konservative Regierungschef will mehr als nur Sparen - mit Hilfe seines liberalen Koalitionspartners Nick Clegg will er die britische Gesellschaft radikal umbauen.

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  • Großbritannien hat eine Königin und Deutschland nur einen Herrn Wulff.

  • England ist der, in der Londoner City ad nauseam aufgestellten, behauptung aufgesessen,dass Geld unablässig und unaufhörlich Geld scheißt.Jetzt kehren sie ,ohne große Zickerei, zu einer realitätsnäheren betrachtung zurück. Hochachtung und Glückwunsch!

  • Die briten haben die Tories als konservative Kraft, Deutschland hat die CDU, aber leider ohne Reformwillen, blasse nationale interessen, nur eine EU-weichgespülte Kraft und viel Sympatie für den islam. Ja super. Schlaf gut Deutschland.

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