Die Palästinenser trauern, die Israelis geben sich gleichgültig
Ein schwarzer Tag in Gaza

Trauer liegt über Ramallah. Über die Lautsprecher der großen Moschee werden Koranverse ins Zentrum der Stadt getragen. Sie klingen an diesem Donnerstag melancholischer als sonst. Die Menschen, die sich bereits im Morgengrauen am zentralen Manara-Platz einfinden, haben nur ein Thema: den Tod des „großen Führers“ Arafat.

TEL AVIV/GAZA/RAMALLAH. Viele wollen an diesem letzten Tag des Fastenmonats Ramadan einkaufen, doch als sie vom Tode Arafats hören, schalten sie den Fernseher an, die meisten El Arabia oder El Dschasira.

Immer wieder hören sie sich die Kommuniqués aus Paris und Ramallah an: So als ob sie hoffen, dass es auch dieses Mal eine dieser Falschmeldungen ist, die seit Tagen über die Gesundheit Arafats verbreitet werden. Als sie aber auf den Straßen die Sonderausgabe der Tageszeitung „El Ayyam“ mit einer reichen Fotosammlung aus dem Leben des Verstorbenen sehen, schwindet die letzte Hoffnung, dass er vielleicht doch noch lebe. „Arafat war ein zentraler Teil unseres Lebens“, meint der Student Muntasser, der mit Freunden bei den Löwen-Statuen am Manara-Platz das Extrablatt liest. Für jeden hier sei der Tod des Präsidenten „ein persönlicher Verlust“.

Arafat, das „Symbol unseres Vaterlandes“, sei schlicht „ein Phänomen“ gewesen, ergänzt ein Kommilitone. Abu Amar, wie Arafats Kampfname lautet, habe die Welt in den 60er-Jahren aufgerüttelt und auf das vergessene Schicksal der Palästinenser hingewiesen. Er habe den Frieden angestrebt, meint die 20-jährige Randa, die mit Muntasser an der Universität Bir Zeit Anglistik studiert. Die Intifada und die Verhinderung des Staates Palästina habe einzig und allein Scharon zu verantworten, sagt sie.

Im nahe gelegenen Jerusalem ist von Trauer nichts zu spüren. Nur sehr wenige Israelis haben Arafat als Staatsmann anerkannt. Die meisten lasten ihm die Terrorwelle an, die Israel besonders in den vergangenen vier Jahren überrollt hat. „Schade, dass er nicht schon früher gestorben ist“, drückt eine 40-jährige Hausfrau aus einem Jerusalemer Vorort ihre Gefühle aus. Dass keiner der 112 jüdischen Parlamentarier an Arafats Begräbnis teilnehmen will, findet sie nur „logisch“. Als „schade“ und „typisch“ taxiert sie hingegen die Absicht der arabischen Knessetmitglieder, Arafat die letzte Ehre zu erweisen. „Die müssen sich doch endlich einmal entscheiden, ob sie mit uns oder gegen uns sind“, empört sie sich.

In Gaza kündigte sich der neue Tag mit einer dichten, schwarzen Wolke an. Auf den Straßen haben junge Palästinenser Autoreifen in Brand gesteckt, so dass ein großer Teil der Stadt für den Verkehr gesperrt ist. „Mit dem Verbrennen der Reifen drücken wir Palästinenser unsere Gefühle der Wut und der Trauer aus“, sagt ein 35-jähriger Palästinenser. Auf den wenigen Fahrzeugen, die in der Stadt zirkulieren, prangen Poster mit dem Bild Arafats. Als zusätzliches Zeichen des Leids sind alle Abblendlichter eingeschaltet. In die Trauer mische sich auch Sorge um die Zukunft, sagt er. Arafat habe es mit seiner „ausgewogenen, klugen Politik“ verstanden, säkulare und religiöse Gruppen ohne Bruderzwist zusammenzuhalten. „Jetzt fehlt diese einigende Kraft.“ Nur sein Sohn Hisham habe seit Tagen ungeduldig auf den Tod Arafats gewartet, meint er etwas verlegen: „Wann stirbt er endlich, damit wir schulfrei haben?“ habe der Junge immer wieder wissen wollen.

In den Straßencafés von Tel Aviv macht die Nachricht vom Tod Arafats keinen großen Eindruck. Dass es mit ihm zu Ende gehe, wussten auch die Israelis seit zwei Wochen. Nur wenige sehen in der neuen Palästinenserführung einen besseren Gesprächspartner als Arafat. „Seine Nachfolger verheißen uns wenig Gutes“, sagt Haim, ein 30-jähriger Ingenieur, während er in der Tageszeitung „Maariv“ über die Vorbereitungen für Arafats Beerdigung liest. „Die meisten Palästinenser haben doch die Existenz Israels bis heute nicht akzeptiert.“

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