Die Parteistrategen ziehen bei der Wahl die Fäden
Großbritannien: Wo die Schweine fliegen lernen

Wenn der britische Wahlkampf am Mittwoch endet, atmen selbst Politprofis auf. Zwar erwarteten Meinungsforscher von Beginn an einen Sieg der regierenden Labour-Partei. Doch an den Kampagnen hat das offenbar nicht gelegen. Zu den Tiefpunkten gehören Plakate, auf denen unter anderem der Gegenkandidat der Konservativen, Michael Howard, als fliegendes Schwein dargestellt wird.

fs LONDON. Für das Niveau des Wahlkampfs stehen die beiden Strategen der großen Parteien. Alastair Campbell versuchte für Labour, die Opposition nicht ins Spiel kommen zu lassen. Lynton Crosby trieb für die Konservativen die Regierung mit einer „Nadelstich-Strategie“ vor sich her.

Crosbys Auftrag lautete Schadensbegrenzung. Schon früh hieß es aus dem Umfeld des 48-Jährigen, der so gut wie nie öffentlich auftritt, dass der konservative Gegenkandidat Michael Howard kaum eine Chance habe. Wenn der Australier Crosby die Niederlage für Howard erträglich gestaltet – eine Labour-Mehrheit deutlich unter 100 Sitzen –, könnte dieser sein Gesicht wahren und bald den Parteivorsitz an einen jungen Hoffnungsträger abgeben. Anfangs konzentrierte sich Crosby auf Themen, mit denen er bei Minderheiten punkten konnte. Dazu gehörte auch der Kampf gegen wildes Campen im Land. Später verband er „Immigration“ und „Kriminalität“ und macht so auf Wahlplakaten eine vermeintlich „zügellose Einwanderungs-Politik“ für die hohe Kriminalität im Land verantwortlich. Anfangs hatte Crosby damit Erfolg, die Wende schaffte er aber nicht. In den letzten Wahlkampftagen schwenkte Crosby deshalb um. Er schickte seinen Protagonisten Howard auf die Straße, um den Wählern zu empfehlen, konservativ zu wählen, um Premier Blair „eine Lektion zu erteilen“.

Labours Wahlkampf kam erst spät in Schwung. Dem ersten Wahlkampfmanager Alan Milburn fiel wenig Schlagkräftiges ein. Erst die Rückkehr des 47-jährigen Spindoctors Alastair Campbell sorgte für Belebung – mehr als erhofft: So ließ er Michael Howard und seinen finanzpolitischen Sprecher Oliver Letwin als fliegende Schweine plakatieren, mit dem Spruch: „Der Tag, an dem die Budgetpläne der Tories aufgehen.“ Das Wortspiel bedeutet: Darauf kann man lange warten. Die Plakate verschwanden aber bald, weil Campbell in der öffentlichen Diskussion des Antisemitismus bezichtigt wurde – Letwin und Howard sind Juden. Auch eine an Journalisten geschickte Mail „Verpisst euch, und kümmert euch um wichtige Dinge, ihr Trottel“ zog mehr Aufmerksamkeit auf den Wahlkampfmanager als auf die Labour-Partei. Dennoch brachte Campbell das nötige Momentum. Er holte den beliebten Schatzkanzler Gordon Brown aus der Isolation. Fortan punktete Labour beim Thema „Wirtschaft“, wegen des Dauer-Aufschwungs das größte Plus der Regierung. Um die Sympathiewerte für Blair wieder zu erhöhen, lud Campbell zwei Zehnjährige zum Fernsehinterview mit dem Premier. Das half jedoch nur für wenige Tage.

Zuletzt ließ Campbell Blair warnen, dass jede Stimme für die drittgrößte Partei, die Liberaldemokraten, den Konservativen helfe. Die Liberaldemokraten stehen mit rund 22 Prozent gut da, weil ihr Chef, Charles Kennedy, der einzige Parteivorsitzende der drei Großen war, der sich stets gegen den Krieg ausgesprochen hatte. Das Thema Irak bewegt die Briten seit dem Wochenende wieder stärker, weil dort erneut ein Brite ums Leben kam.

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