Als der Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, das Gesundheitsprojekt anpackte, musste er aber nicht nur ums Geld kämpfen. Es ging auch um die Veränderung von Traditionen. Etwa um jenen uramerikanischen Glauben, dass sich der Staat aus dem persönlichen Leben heraushalten soll und dass die Gesundheit Privatsache ist. Was Romney schließlich nützte, war das Zusammenspiel von Leidens- und Kostendruck sowie einer politischen Konstellation. Schließlich gelang dem Republikaner Romney in dem zutiefst demokratischen Massachusetts der Durchbruch: Ohne Gegenstimme beschloss das Parlament des Bundesstaates vor gut einem Jahr, dass ab dem 1. Juli 2007, spätestens aber ab dem 1. Januar 2008 jeder Bürger des Bundesstaates eine Krankenversicherung haben muss.
Was lapidar als Chapter 58 verabschiedet wurde, ist nicht weniger als ein kleines Wunder. Ein Wunder deshalb, weil das amerikanische Gesundheitswesen bislang als praktisch unheilbar galt. Über Jahrzehnte haben sich Politiker bei den Versuchen die Finger verbrannt, das System zu reformieren. Den prominentesten Fehlversuch verzeichnete Hillary Clinton kurz nach dem Amtsantritt ihres Mannes im Weißen Haus 1993. Sie entwickelte ein Konzept, das so komplex war, dass es weder der Kongress noch die Bürger verstanden. Das Modell erlitt politisch derart Schiffbruch, dass es für die folgende Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen 1994 verantwortlich gemacht wurde.
Bill Clinton sollte das Thema nicht mehr anfassen, und auch George W. Bush ließ die Finger davon. Also versuchten einzelne Bundesstaaten, das System, das die Haushalte so sehr belastet, zu kurieren. Etwa Maine, Vermont und zuletzt Kalifornien. Aber es war Massachusetts, das den vielleicht mutigsten Ansatz wählte.
Doch taugt das Modell für das ganze Land? Wohl nicht, sagt John Kingsdale. Er ist der Chef der „Commonwealth Health Insurance Connector Authority“, einer Art Drehscheibe, an der sich kleine Arbeitgeber und Bürger ohne Job eine Versicherung besorgen können. Seit dem Ausscheiden von Romney aus dem Gouverneursamt Anfang 2007 ist Kingsdale zur Schlüsselfigur des Reformvorhabens avanciert. „Bei 50 Staaten gibt es 50 Wege für Reformen“, sagt er vorsichtig. „Wir hier probieren einen Weg. Aber natürlich gibt es Unterschiede zwischen einem Farmstaat und einem industriell geprägten Bundesstaat.“
Damit nimmt er die Kritik vorweg, die er schon tausend Mal hören musste: dass Massachusetts mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern ziemlich übersichtlich sei, mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen pro Kopf von über 50 000 Dollar zu den wohlhabendsten US-Staaten gehöre und lediglich eine Arbeitslosenrate von maximal fünf Prozent aufweise. „Natürlich sind die Voraussetzungen in Massachusetts ideal für einen Feldversuch“, sagt Kingsdale. Doch das wären sie in anderen Staaten auch. Aber diese haben es nicht riskiert. Und zeigten sich nicht so kreativ wie Massachusetts – etwa mit der Einführung der „Commonwealth Health Insurance Connector Authority“.
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