0 Bewertungen
04.06.2007 

Als der Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, das Gesundheitsprojekt anpackte, musste er aber nicht nur ums Geld kämpfen. Es ging auch um die Veränderung von Traditionen. Etwa um jenen uramerikanischen Glauben, dass sich der Staat aus dem persönlichen Leben heraushalten soll und dass die Gesundheit Privatsache ist. Was Romney schließlich nützte, war das Zusammenspiel von Leidens- und Kostendruck sowie einer politischen Konstellation. Schließlich gelang dem Republikaner Romney in dem zutiefst demokratischen Massachusetts der Durchbruch: Ohne Gegenstimme beschloss das Parlament des Bundesstaates vor gut einem Jahr, dass ab dem 1. Juli 2007, spätestens aber ab dem 1. Januar 2008 jeder Bürger des Bundesstaates eine Krankenversicherung haben muss.

Was lapidar als Chapter 58 verabschiedet wurde, ist nicht weniger als ein kleines Wunder. Ein Wunder deshalb, weil das amerikanische Gesundheitswesen bislang als praktisch unheilbar galt. Über Jahrzehnte haben sich Politiker bei den Versuchen die Finger verbrannt, das System zu reformieren. Den prominentesten Fehlversuch verzeichnete Hillary Clinton kurz nach dem Amtsantritt ihres Mannes im Weißen Haus 1993. Sie entwickelte ein Konzept, das so komplex war, dass es weder der Kongress noch die Bürger verstanden. Das Modell erlitt politisch derart Schiffbruch, dass es für die folgende Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen 1994 verantwortlich gemacht wurde.

Bill Clinton sollte das Thema nicht mehr anfassen, und auch George W. Bush ließ die Finger davon. Also versuchten einzelne Bundesstaaten, das System, das die Haushalte so sehr belastet, zu kurieren. Etwa Maine, Vermont und zuletzt Kalifornien. Aber es war Massachusetts, das den vielleicht mutigsten Ansatz wählte.

Doch taugt das Modell für das ganze Land? Wohl nicht, sagt John Kingsdale. Er ist der Chef der „Commonwealth Health Insurance Connector Authority“, einer Art Drehscheibe, an der sich kleine Arbeitgeber und Bürger ohne Job eine Versicherung besorgen können. Seit dem Ausscheiden von Romney aus dem Gouverneursamt Anfang 2007 ist Kingsdale zur Schlüsselfigur des Reformvorhabens avanciert. „Bei 50 Staaten gibt es 50 Wege für Reformen“, sagt er vorsichtig. „Wir hier probieren einen Weg. Aber natürlich gibt es Unterschiede zwischen einem Farmstaat und einem industriell geprägten Bundesstaat.“

Damit nimmt er die Kritik vorweg, die er schon tausend Mal hören musste: dass Massachusetts mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern ziemlich übersichtlich sei, mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen pro Kopf von über 50 000 Dollar zu den wohlhabendsten US-Staaten gehöre und lediglich eine Arbeitslosenrate von maximal fünf Prozent aufweise. „Natürlich sind die Voraussetzungen in Massachusetts ideal für einen Feldversuch“, sagt Kingsdale. Doch das wären sie in anderen Staaten auch. Aber diese haben es nicht riskiert. Und zeigten sich nicht so kreativ wie Massachusetts – etwa mit der Einführung der „Commonwealth Health Insurance Connector Authority“.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Den Krankenhäusern gefällt das Modell nicht.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Hart umkämpfte Wahlkreise...

    Hart umkämpfte Wahlkreise für die SPD

    Die SPD wird bei der Bundestagswahl 2009 etliche Direktmandate verlieren. Betroffen davon sind vor allem Wirtschaftspolitiker und Konservative der Bundestagsfraktion. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Lüthke Politikberatung für das Handelsblatt.Bildergalerie 

  • Becksteins mögliche Erben...

    Becksteins mögliche Erben in Bayern

    Nach dem Wahl-Debakel und nur zwölf Monaten Amtszeit gibt sich Ministerpräsident Günther Beckstein geschlagen. Die Parteikollegen trauerten nicht lang. Bereits am Dienstagnachmittag stellten sich drei Amtsanwärter zur Verfügung. Und mit Horst Seehofer hält sich auch ei...Bildergalerie 

  • Das politische Stehaufmän...

    Das politische Stehaufmännchen

    Im vergangenen Jahr war Horst Seehofer noch Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterlegen, nun scheint der designierte neue Parteichef endlich am Ziel. Er wolle die CSU „in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte“ der vergangenen fü...Bildergalerie 

  • Gift für die Weltwirtscha...

    Gift für die Weltwirtschaft

    Rund um den Globus nehmen die Schreckensnachrichten zu. Ihr Tenor: Die Turbulenzen der vergangenen Wochen haben die Risiken für die Weltwirtschaft deutlich erhöht, die Wachstumsraten der vergangenen Jahre werden sich so schnell nicht wiederholen lassen. Welche Risiken ...Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Der Papst und die Bankenkrise 

07.10.2008, 09:42 UhrGlobal Reporting

Auch Papst Benedetto hat sich der Bankenkrise angenommen. Der Kollaps der Banken zeige, dass Geld "nichts" sind. "Das Wort Gottes ist alles, was bleibt". Diese Worte äußerte der Papst am Montag morgen, kurz bevor die Börsen öffneten. Einen passenderen Tag hätte er sich nicht aussuchen können. Blog


weiterMadagaskar

Im Web wächst Widerstand: www.finanzkrise 

24.09.2008Madagaskar

Kein Wunder, dass sich der Kongress weigert, das 700 Mrd. Dollar schwere Finanzpaket unbesehen durchzuwinken. In Amerikas Öffentlichkeit wächst der Widerstand gegen die horrende Rechnung für die Exzesse an der Wall Street. Blog