Bei Kingsdale, dem Chef der Behörde, können Alleinstehende, die weniger als 31 000 Dollar im Jahr verdienen, oder vierköpfige Familien mit Einkommen von weniger als 62 000 Dollar staatliche Zuschüsse für eine Krankenversicherung beantragen. Sie haben die Wahl zwischen sechs verschiedenen Policen. Und wer eine dieser Versicherungen besitzt, dem können kein Arzt und kein Krankenhaus eine Behandlung verweigern. 122 000 Menschen haben über den „Connector“ bereits eine Krankenversicherung bekommen – ein Drittel aller bislang Unversicherten in Massachusetts.
Doch nicht allen gefällt das Modell. Vor allem nicht den Krankenhäusern, aus deren Kassen ein Teil der Subventionen bestritten wird. Denn die mussten zwar bisher auch die unversicherten Patienten behandeln, wenn diese in den „Emergency Rooms“ um Hilfe baten. Doch war dies gar kein so schlechtes Geschäft. Nach Aussagen der Harvard-Professorin Regina Herzlinger berechneten die Krankenhäuser den Unversicherten meist mehr für die Leistungen als den Versicherten. Der Grund dafür ist einfach: Während die Krankenkassen die Rechnungen der Versicherten prüften, sprang bei den Unversicherten der Staat ein. Und der prüfte nicht lange, sondern stellte Überweisungen aus. Rund eine Milliarde Dollar jährlich alleine in Massachusetts.
Damit soll jetzt Schluss sein. Wenn alle eine Versicherung haben, dann kann es theoretisch auch keine unbezahlten Rechnungen mehr geben, die der Staat übernehmen muss – sagen die Reformer. Und weiter: Es sei billiger, eine Krankenversicherung für jedermann einzuführen, als die Krankenhausrechnungen der Unversicherten zu begleichen.
Künftig verteilen sich die Lasten in Massachusetts aber auf viele Schultern: auf die Krankenhäuser, auf den Bundesstaat, der das Reformprojekt aus Steuergeldern mitfinanziert, und auf kleine Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern bislang keine Krankenversicherung anbieten, sich aber künftig an der Gesundheitsvorsorge zu beteiligen haben. „Alle müssen ihren Beitrag leisten“, erklärt Kingsdale. Und wie er das so sagt, wirkt er recht zufrieden. Tiefes Gerechtigkeitsempfinden klingt aus seinen Worten.
Gerechtigkeit – das ist es auch, was die Besucher des Dankgottesdienstes in der Roxbury Presbyterian Church an diesem Dienstagabend zusammenführt. Reverend Hurmon Hamilton betrachtet vom erhöhten Kirchengestühl seine Getreuen, die seit 20 Minuten mit Verve singen und Gott preisen. Auch hier geht es um die Gesundheitsreform, darum, dass die Menschen nicht mehr automatisch vor existenziellen Entscheidungen stehen, wenn sie krank werden.
Einer nach dem anderen tritt vors Mikro und erzählt seine Geschichte, so auch Debbie Vaars, die im Juni 2005 an Darmkrebs erkrankte und für die Behandlung zweimal die Woche für einige Stunden ihren Arbeitsplatz verlassen musste. Im Januar 2006 wurde sie von ihrem Arbeitgeber, dem sie 25 Jahre die Treue gehalten hatte, gefeuert. Sie fand keinen Anschlussjob und hatte kein Geld, um sich privat eine Versicherung zu kaufen. „Ich wusste nicht mehr, wie ich durchkommen sollte“, sagt sie.
Im November 2006 verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch, sie kommt in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Als die 60-Jährige erklärt, unversichert zu sein, handelt das Krankenhaus kurz entschlossen – und nur Tage später ist auch sie versichert. Als sie dies erzählt, klatscht und ruft die Gemeinde von Roxbury. Es ist ein Jubel wie bei einem Sieg in einer Schlacht. Als Vaars die Freude sieht, hat sie Tränen in den Augen.

