Die Spitzenkandidatin der Sozialisten
Ségoléne Royal: Die strahlende Retterin aus der Provinz

Ihr Aufstieg hat etwas Märchenhaftes: Von der Hinterbänklerin zur umjubelten Hoffnungsträgerin der Linken, von der kleinen Provinzfürstin zur aussichtsreichen Präsidentschaftskandidatin. Diesen parcours hat Ségoléne Royal binnen zweier Jahre hingelegt – und damit das eigene und das gegnerische politische Lager kalt erwischt. Dem konservativen Kandidaten Nicolas Sarkozy wäre ein männlicher Kontrahent sicher lieber gewesen. Denn bei Royal muss sich Sarkozy zurückhalten. Mit offenen Angriffen würde er sie zum Opfer und sich selbst zum Macho stilisieren.

PARIS. Schwer zu ertragen ist Royal auch für viele Männer in ihrer eigenen Partei. Die eigenwillige Kandidatin herrscht mit harter Hand, hinter den Kulissen klagen prominente Sozialisten oft und bitter über Royals autoritären Führungsstil. Vor laufenden Kameras wiederholen die „Elefanten“ der Partei diese Vorwürfe freilich nicht. Denn alle hoffen auf hohe Regierungsämter im Falle von Royals Wahlsieg. Zum Beispiel der frühere Finanzminister Dominique Strauss-Kahn: Er wird in Paris immer wieder als Royals wahrscheinlicher Premier genannt.

Im Lebenslauf von Marie-Ségolène Royal, 53, Mutter von vier Kindern ließ zunächst nichts darauf schließen, dass sie einmal in den Elysée-Palast einziehen könnte. Zwar absolvierte sie die Eliteschmiede ENA, doch sie schloss als schlechteste ihres Jahrgangs ab. Zwar arbeitete sie in den achtziger Jahren im Stab des früheren Staatspräsidentin Francois Mitterrand, spielte dort jedoch nie eine herausragende Rolle. Zwar gehörte sie mehreren Regierungen an, führte aber nur kleine Ministerien. Lange stand Royal im Schatten ihres Lebensgefährten, dem Chef der sozialistischen Partei Francois Hollande.

Ihren ersten spektakulären Erfolg errang Royal mit 50 Jahren: Bei den Regionalwahlen 2004 gelang es ihr überraschend, dem früheren Premier Jean-Pierre Raffarin die westfranzösische Region Poitou-Charentes abzunehmen. Seither nutzt Royal ihre Region als Versuchslabor. Vor allem probierte sie dort ihr Herzensanliegen aus: Die so genannte „partizipative Demokratie“. Als Präsidentin will Royal das ganze Volk stärker beteiligen an politischen Entscheidungen. Strategische Weichenstellungen über die Zukunft des Landes will sie prinzipiell in Referenden absegnen lassen.

Mit welcher Wirtschaftspolitik Royal ihr Land aus der Wachstumskrise herausführen wird, lässt sich kaum vorhersagen. Ihr Wahlprogramm wiederholt klassische Positionen der Linken. Es verspricht einen höheren Mindestlohn sowie neue und höhere Sozialleistungen. Insofern sei das Programm von der traditionellen linken Vorstellung „einer Nachfragekrise“ geprägt, notierte der Pariser Wirtschaftsprofessor Christian Saint-Etienne. Allerdings signalisierte Royal auch Verständnis für die Nöte der Unternehmen, etwa mit ihrer zeitweiligen Kritik an der 35-Stundenwoche. Ein Premier Strauss-Kahn wäre aus Sicht der Wirtschaft zudem ein gute Wahl: Er gehört in der Parti Socialiste zum rechten Flügel und gilt als ökonomisch versiert.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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