Die Stimmung in der Türkei

Mit Steinschleudern gegen die Polizei

Die Lage in der Türkei bleibt angespannt. In der Nacht zum Mittwoch gab es wieder heftige Proteste. Ministerpräsident Erdogan zeigt sich jedoch unbeeindruckt, denn noch immer hat er großen Rückhalt in der Bevölkerung.
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„Wie schade“ betitelt die türkische Tageszeitung „Hürryet“ das Bild der Seniorin im Straßenkampf auf ihrer heutigen Titelseite. „Aktivistinnen wie sie sind schuld daran, dass Taksim zum Kriegsschauplatz wird“, steht dort.

„Wie schade“ betitelt die türkische Tageszeitung „Hürryet“ das Bild der Seniorin im Straßenkampf auf ihrer heutigen Titelseite. „Aktivistinnen wie sie sind schuld daran, dass Taksim zum Kriegsschauplatz wird“, steht dort.

Die alte Frau spannt die Gummibänder ihrer Steinschleuder. Auf dem rechten Arm steht in schwarzer Farbe „A+“, ihre Blutgruppe, falls sie verletzt werden sollte. Tränengas-Schwaden vernebeln den Istanbuler Taksim-Platz. Mit konzentriertem Blick nimmt die weißhaarige Türkin im geblümten T-Shirt ihr Ziel ins Visier. „Wie schade“ betitelt die türkische Tageszeitung „Hürryet“ das Bild der Seniorin im Straßenkampf auf ihrer heutigen Titelseite. „Aktivistinnen wie sie sind schuld daran, dass Taksim zum Kriegsschauplatz wird“, steht dort.

Im Internet hält eine Aktivistin auf Facebook dagegen: „Im Tränengas-Nebel der Polizei hätte nicht einmal mehr eine Mücke überlebt“, schreibt sie. „Schickt eigentlich niemand die Fotos von diesem Aufstand an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte?“. In der vergangenen Nacht sind bei Straßenschlachten wieder Dutzende verletzt worden. Fast 5000 sollen es nach zwei Wochen Widerstand nun sein.

Die Fronten sind härter denn je. Recep Tayyip Erdogan will sich heute zwar mit Vertretern des Protestes treffen – „in die Knie gehen“ werde er aber nicht. Das hat er bereits angekündigt. Keiner solle glauben, dass er einer Meute aus „Gesindel“, „Plünderern“ und „Terroristen“ Zugeständnisse machen müsse.

Kampf um den Taksim-Platz
huGO-BildID: 31522458 Protesters run to avoid the tear gas during clashes at the Taksim Square in Istanbul Tuesday, June 11, 2013. Hundreds of riot p
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Am frühen Dienstagabend strömten erneut tausende Erdogan Gegner auf den Taksim-Platz in Istanbul. Schwaden aus Tränengas hüllten die Demonstranten ein.

huGO-BildID: 31523057 A couple of protesters run to avoid a policeman during clashes at the Taksim Square in Istanbul Tuesday, June 11, 2013. Hundred
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Teilnehmer der Demonstration flüchten vor der Polizei: Hunderte der Staatsbeamten waren auf dem Platz im Einsatz.

Protesters run in panic as police returned to Istanbul's Taksim square
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Um die Gegend zu räumen setzte die Polizei auch Wasserwerfer ein.

huGO-BildID: 31523222 Protesters clash with riot police at Taksim square in Istanbul on June 11, 2013. Riot police fired tear gas and rubber bullets
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Überall lodern kleine Feuer: Die Demonstranten wehren sich mit aller Kraft gegen die Sicherheitskräfte.

huGO-BildID: 31523225 Protesters clash with riot police at Taksim square in Istanbul on June 11, 2013. Riot police fired tear gas and rubber bullets
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Mit Gasmasken versuchen die Demonstranten, sich gegen das Tränengas zu schützen: Der Taksim-Platz hat sich zum Symbol des Widerstands gegen die Staatsmacht gewandelt.

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Schon seit den frühen Morgenstunden liefern sich Polizei und Demonstranten in Istanbul Straßenschlachten. Die Polizeikräfte versuchen dabei, den von Demonstranten besetzen Taksim-Platz gewaltsam zu räumen.

huGO-BildID: 31513312 A protester runs to avoid tear gas as police take cover next to a water cannon during clashes at the Taksim Square in Istanbul
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Hunderte Polizisten in Schutzausrüstung waren im Einsatz. Bulldozer schoben Barrikaden beiseite.

Damit, dass die Proteste etwas am Regierungsstil der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) ausrichten werden, glaubt ohnehin kaum noch jemand. Daran ändert auch nichts, dass sich der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck heute in einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül besorgt über die „exzessive Gewalt“ geäußert hat, oder dass Außenminister Guido Westerwelle (FDP) findet, dass Erdogan „das falsche Signal ins eigene Land und nach Europa sendet“.

Noch hat Erdogan genügend Rückhalt
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7 Kommentare zu "Die Stimmung in der Türkei: Mit Steinschleudern gegen die Polizei"

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  • Erdogan schlägt eine Abstimmung über das Bauprojekt im Gezi-Park vor. Das zeigt, er hat noch immer nicht kapiert, dass es inzwischen um viel viel mehr geht. Allein heute haben über tausend Rechtsanwälte gegen ihn protestiert, wegen der willkürlichen Verhaftung von Berufskollegen ...

  • Warum nur Steinschleudern? Der Molotowcocktail ist doch schon längst erfunden.

  • Gauck besorgt? Grün geht vor Bebauungsplan? Das klingt ja so, als würde der Beitrittskandidat in Frage gestellt wegen 2 ha Stadtwald?
    Was soll man hinterfragen, ein Priester Gottes kann nicht irren.
    Merke: Demos ausserhalb der besetzten Gebiete beweisen grundsätzlich despotischen Regierungsstil, während Demos innerhalb grundsätzlich extremistischer Natur sind.

    Soll nicht heissen, dass ich keine Sympathien für die Demonstranten hege. Sicher ist Erdogan ein Despot, aber er ist kein solcher Despot, dass er die EU-Despoten überragte.

    Würde man die Medien immer beim Wort nehmen, man würde verrückt.

  • Das wurde aber auch Zeit, dass sich in der Türkei endlich die Bürger gegen den Polizeiterror wehren. Aber Steinschludern werden auf die Dauer nicht genügen. Wann kommen die Molotowcocktails?

  • "Tatsache ist jedoch, dass Erdogan vor zwei Jahren mit absoluter Mehrheit gewählt worden ist. Mehr als 50 Prozent der Türken hatten der AKP ihre Stimme gegeben. Und das, obwohl Erdogans Größenwahn und Herrschsucht schon damals kein Geheimnis war."

    Es ist immer wieder interessant wie die tatsächlichen Zahlen frisiert werden.
    Es gibt eine 10% Hürde für Parteien in der Türkei. Diese selektiert von vornherein 13,2% der Wähler aus. Also haben an den Wahlen 86,8% teilgenommen. Von denen gingen 49,83% an Erdogan die ihm ihre Stimme gegeben haben. Dann kommt die Wahlbeteiligung die offiziell auf 83% beziffert wird dazu. Also waren es lange nicht die 50% der Türken die Ihm seine Stimme gaben. Nach groben überschlag sind es evtl 27-32% die direkt hinter ihm stehen und nicht die immer erwähnten "demokratischen" 50. Dass er die Herabsetztung der Prozenthürde von 10% auf 3% auch nicht umgesetzt hat wie er es bei seinen Wahlen versprochen hatte ist mit ein Grund warum die Leute derzeit demonstrieren.

  • jetzt kann man in Ruhe beobachten wozu die Türken im Stande sind, eigentlich brauch man ja nicht auf die Straße mehr gehen, oder hat sich was bei S21 getan? sollten die dem Erdogan stürzen Hut ab!

  • Die Situation ist sehr beängstigend! Die Türkei ist nicht weit von uns entfernt. Ruhe gibt es erst, wenn Erdogan weg ist.

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