Die Stimmung in der Türkei
Mit Steinschleudern gegen die Polizei

Die Lage in der Türkei bleibt angespannt. In der Nacht zum Mittwoch gab es wieder heftige Proteste. Ministerpräsident Erdogan zeigt sich jedoch unbeeindruckt, denn noch immer hat er großen Rückhalt in der Bevölkerung.
  • 7

Die alte Frau spannt die Gummibänder ihrer Steinschleuder. Auf dem rechten Arm steht in schwarzer Farbe „A+“, ihre Blutgruppe, falls sie verletzt werden sollte. Tränengas-Schwaden vernebeln den Istanbuler Taksim-Platz. Mit konzentriertem Blick nimmt die weißhaarige Türkin im geblümten T-Shirt ihr Ziel ins Visier. „Wie schade“ betitelt die türkische Tageszeitung „Hürryet“ das Bild der Seniorin im Straßenkampf auf ihrer heutigen Titelseite. „Aktivistinnen wie sie sind schuld daran, dass Taksim zum Kriegsschauplatz wird“, steht dort.

Im Internet hält eine Aktivistin auf Facebook dagegen: „Im Tränengas-Nebel der Polizei hätte nicht einmal mehr eine Mücke überlebt“, schreibt sie. „Schickt eigentlich niemand die Fotos von diesem Aufstand an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte?“. In der vergangenen Nacht sind bei Straßenschlachten wieder Dutzende verletzt worden. Fast 5000 sollen es nach zwei Wochen Widerstand nun sein.

Die Fronten sind härter denn je. Recep Tayyip Erdogan will sich heute zwar mit Vertretern des Protestes treffen – „in die Knie gehen“ werde er aber nicht. Das hat er bereits angekündigt. Keiner solle glauben, dass er einer Meute aus „Gesindel“, „Plünderern“ und „Terroristen“ Zugeständnisse machen müsse.

Damit, dass die Proteste etwas am Regierungsstil der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) ausrichten werden, glaubt ohnehin kaum noch jemand. Daran ändert auch nichts, dass sich der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck heute in einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül besorgt über die „exzessive Gewalt“ geäußert hat, oder dass Außenminister Guido Westerwelle (FDP) findet, dass Erdogan „das falsche Signal ins eigene Land und nach Europa sendet“.

Seite 1:

Mit Steinschleudern gegen die Polizei

Seite 2:

Noch hat Erdogan genügend Rückhalt

Kommentare zu " Die Stimmung in der Türkei: Mit Steinschleudern gegen die Polizei"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Erdogan schlägt eine Abstimmung über das Bauprojekt im Gezi-Park vor. Das zeigt, er hat noch immer nicht kapiert, dass es inzwischen um viel viel mehr geht. Allein heute haben über tausend Rechtsanwälte gegen ihn protestiert, wegen der willkürlichen Verhaftung von Berufskollegen ...

  • Warum nur Steinschleudern? Der Molotowcocktail ist doch schon längst erfunden.

  • Gauck besorgt? Grün geht vor Bebauungsplan? Das klingt ja so, als würde der Beitrittskandidat in Frage gestellt wegen 2 ha Stadtwald?
    Was soll man hinterfragen, ein Priester Gottes kann nicht irren.
    Merke: Demos ausserhalb der besetzten Gebiete beweisen grundsätzlich despotischen Regierungsstil, während Demos innerhalb grundsätzlich extremistischer Natur sind.

    Soll nicht heissen, dass ich keine Sympathien für die Demonstranten hege. Sicher ist Erdogan ein Despot, aber er ist kein solcher Despot, dass er die EU-Despoten überragte.

    Würde man die Medien immer beim Wort nehmen, man würde verrückt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%