Die türkische Regierung verkauft das Fernmelde-Unternehmen
Generäle greifen nach Türk Telekom

Die geplante Privatisierung der staatlichen türkischen Fernmeldegesellschaft Türk Telekomünikasyon A.S. (Türk Telekom) stößt auf reges Interesse. Sogar der Pensionsfonds der türkischen Streitkräfte will mitbieten.

ANKARA. In den vergangenen zehn Jahren sind mehrere Versuche, die türkische Fernmeldegesellschaft zu privatisieren, gescheitert - an politischen Widerständen, verfassungsrechtlichen Einwänden oder widrigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Diesmal könnte es aber klappen. „Es sieht gut aus, wir rechnen mit vier oder fünf guten Geboten“, sagt ein leitender Beamter der Privatisierungsbehörde OIB. Die Angebotsfrist für die Türk Telekom läuft am 31. Mai ab. Finanzminister Kemal Unakitan darf jedoch nicht hoffen, auch nur annähernd so viel für seine Aktien zu erhalten wie sein Amtsvorgänger Ende der 90er Jahre hätte kassieren können. Auf dem Höhepunkt der globalen High-Tech-Hysterie taxierten Analysten den Unternehmenswert auf rund 28 Mrd. Dollar. Heutige Schätzungen gehen in Größenordnungen von sieben bis neun Mrd. Dollar.

Die Türk Telekom machte 2004 einen Umsatz von umgerechnet 5,65 Mrd. Euro und wies einen Vorsteuergewinn in Höhe von 900 Mill. Euro aus. Die Produktivität des Unternehmens ist allerdings im internationalen Vergleich gering: Die Türk Telekom beschäftigt einen Mitarbeiter für 330 Festnetzanschlüsse, bei der Deutschen Telekom sind es mehr als 400. Das Wachstumspotenzial im Festnetz ist jedoch groß, denn bisher hat erst rund ein Viertel der 70 Millionen Türken einen eigenen Telefonanschluss. Das Staatsunternehmen hat auch keine nennenswerten Wettbewerber, obwohl der Festnetzmarkt in der Türkei seit dem vergangenen Jahr Konkurrenten offen steht.

Die türkische Regierung sucht nun einen strategischen Investor, der 55 Prozent der Türk Telekom-Anteile und das Management übernehmen soll. 13 Bewerber haben sich im Januar für die Endrunde qualifiziert. Auch die Deutsche Telekom hatte anfangs Interesse gezeigt, später aber abgewinkt.

Von den verbliebenen Investoren gelten nach Informationen aus Regierungskreisen in Ankara sechs als Favoriten. Dazu gehören die spanische Telefónica, Telecom Italia sowie der saudi-arabische Bau-, Energie und Telekommunikationskonzern Saudi Oger Ltd. Auch zwei Joint Ventures gehören zu den aussichtsreichen Bewerbern: eines der Emirates Telecommunications Corporation (Etisalat) mit der Dubai Islamic Bank und dem türkischen Mischkonzern Cetel Calik Enerji Sanayi ve Ticaret (Calik Enerji) sowie ein weiteres der beiden größten türkischen Konzerne Koc Holding A.S. und Haci Ömer Sabanci HoldingA.S.

Der sechste Bieter im Favoritenkreis ist Oyak, die Rentenkasse der türkischen Streitkräfte. Dieser Pensionsfonds war 1961 nach dem Militärputsch gegründet worden, heute ist er eine der größten türkischen Holdings: Die rund 200 000 aktiven Offiziere der türkischen Streitkräfte zahlen zehn Prozent ihres Solds ein. 2003 hat Oyak einen Umsatz von 4,3 Mrd. Dollar und einen Vorsteuergewinn von 408 Mill. Dollar ausgewiesen.

Der Fonds hält Beteiligungen an rund 40 Unternehmen. Darunter sind Joint Ventures mit dem Versicherungskonzern Axa, dem Reifenhersteller Goodyear und dem Automobilkonzern Renault. Mit einem Einstieg bei Türk Telekom würde Oyak zur zweitgrößten türkischen Holding nach der Koc-Gruppe aufsteigen. Ordnungspolitisch wäre das allerdings kein gutes Signal: ein Verkauf des Telekom-Aktienpakets an die Oyak könnte kaum als „Privatisierung“ gelten – sie untersteht dem Verteidigungsministerium.

Analysten meinen, nur der Einstieg eines ausländischen Telekommunikations-Konzerns könne die türkische Fernmeldegesellschaft stärken. Als Favorit gilt in der Branche Telecom Italia. Die Italiener sind schon mit Türk Telekom verbandelt: Beide Unternehmen halten je 40 Prozent am türkischen Mobilfunkbetreiber Avea, die restlichen 20 Prozent liegen beim größten türkischen Kreditinstitut Isbank. Avea ist zwar der kleinste türkische Mobilfunk-Provider, hat aber noch Wachstumschancen: Bisher besitzen erst 40 Prozent der Türken ein Handy.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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