Die verfallenden Staaten von Amerika - Teil 4
Zeitbombe unter dem Asphalt

Die flüssige Gefahr schlummert unter den Straßen: Die Wasserversorgung ist das am meisten unterschätzte Problem der amerikanischen Infrastruktur. Die Herausforderungen sind riesig und die Folgen schon jetzt dramatisch.
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Los AngelesDas Problem ist über 400.000 Meilen lang und erst dann zu sehen, wenn es zu spät ist: Das ist die Länge der unterirdischen Wasserleitungen, die irgendwo in den USA im Boden oder in Hauswänden und Kellern still vor sich hin rotten, bis sie mit einem lauten Knall auf sich aufmerksam machen.

Doch dann ist der Schaden schon angerichtet. Die Umweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) schätzt die Zahl der jährlichen Brüche von Hauptwasserleitungen in den USA auf rund 250.000. Das führt zur Verschwendung von Milliarden Litern von Trinkwasser. Sie unterspülen Straßen, setzen Häuser unter Wasser, ruinieren Fundamente und lassen Autos in Tiefgaragen volllaufen. Die Erneuerung des völlig überalterten Wassersystems ist eine Herkulesaufgabe.

Die gemeinnützige Forschungsorganisation und weltgrößte Berufsverband für Wasser- und Abwasserfachleute American Water Works Association (AWWA) schätzt die Kosten für Kompletterneuerung und Ausbau der US-Wasser-Infrastruktur auf eine Billion Dollar. Und niemand weiß, wo das Geld herkommen soll. Wahrscheinlich werden die Verbraucher mit dramatischen Preiserhöhungen rechnen müssen.

Sommer 2014 in Los Angeles: Ein Knall wie bei einer Bombenexplosion. Asphaltbrocken werden durch die Luft geschleudert. Unter enormem Druck spritzten unter ohrenbetäubendem Lärm 100.000 Liter pro Minute in einer mehrere Meter hohen Fontäne aus zwei Rohren unter dem berühmten Sunset Boulevard. Insgesamt waren es geschätzte 100 Millionen Liter. Der Schaden geht in die Millionen Dollar.

Vergangene Woche, ausgerechnet an Thanksgiving, dem größten Reisetag in den USA, erzwang ein Wasserleitungsbruch die Sperrung des Pacific Coast Highway nahe Malibu. Erst Stunden später waren der Wasserfluss gestoppt und ein Loch in der Fahrbahn abgesichert, das sich nach Unterspülung aufgetan hatte. Zwei Tage zuvor traf es das noble Beverly Hills. Die Beverly Hills Road ertrank in Wassermassen aus einer Hauptleitung.

Eine aktuelle Studie der Los Angeles Times auf Basis offizieller Statistiken beziffert die Zahl der akut gefährdeten Rohrleitungen auf sechs Prozent oder rund 400 Meilen Gesamtlänge im Stadtgebiet. Laut LAWD, dem städtischen Water Departement, gab es seit 2010 rund 5200 Zwischenfälle alleine in der Stadt der Engel. Das durchschnittliche Alter des Systems ist 58 Jahre, auch die 93 und 58 Jahre alten Leitungen nahe der Universität gehörten zu den bekannten Problemstellen.

Los Angeles ist nur ein Beispiel. Syracuse im Bundesstaat New York beklagt mit 365 Zwischenfällen seit 1. Januar bereits mehr als einen Hauptleitungsbruch pro Tag. Laut lokaler Webseite localsyr.com wären 725 Millionen Dollar nötig, um das über 100 Jahre alte Wassersystem der Kleinstadt zu erneuern. Das geht nur, wenn der Staat finanziell hilft.

Kommentare zu " Die verfallenden Staaten von Amerika - Teil 4: Zeitbombe unter dem Asphalt"

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  • Ziel sollte es doch sein, nicht alles von der USA zu übernehmen - so bilnd und dumm wie es unsere Machthaber zur Zeit tun!

    Beispielsweise den neoliberalen Irrweg verlassen, der zu dieser Misere führt.

    Vor allem sollten wir den Erpressungsversuchen unserer spionierenden Freunde aus Übersee via TTIP widerstehen!

  • Deshalb wird es auch langsam Zeit, den Stecker zu ziehen.
    Die Chinesen könnten das direkt, wenn sie als zweitgrößte "Gläubiger" der 18 Billionen USD Staatsschulden (neben der Fed) ihre Billionen US-Treasuries auf den Markt werfen würden.
    Nur hätten sie dann eben auch einen gehörigen Kollateralschaden. Hat ihnen Alan Greenspan übrigens auch unmissverständlich klargemacht: "Ich glaube nicht, dass die Chinesen ihre amerikanischen Staatsanleihen abstoßen werden, denn sie werden niemanden finden, der sie ihnen abkauft."
    Damit hat er übrigens zugegeben, dass das Zeugs und damit der USD de facto wertlos sind.
    Also versuchen die Chinesen, das eigentlich wertlose Zeugs sukzessive in Realwerte umzutauschen.
    Sie befinden sich damit aber auch in einem Dilemma: je mehr Zeit sie sich nehmen, desto höher wird die Fallhöhe des Systems gehebelt und desto höher wird das Risiko, dass die Amis durchdrehn und die ganze Welt in Brand setzen - je weniger Zeit sie sich nehmen, desto größer sind jedoch ihre eigenen Verluste.
    Was würden Sie tun??

  • Hauptsache immer genügend Öl.

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