Die verfallenden Staaten von Amerika – Teil 5
Kurzschluss im System

Amerika steht unter Strom. Denn die größte Volkswirtschaft der Welt ist von seinem Stromnetz vollständig abhängig. Doch die Technik ist veraltet – und aus Terror und Cyber-War erwachsen Gefahren mit unabsehbaren Folgen.
  • 4

San FranciscoKurz vor 16 Uhr an einem warmen Nachmittag. Die Menschen im Nordwesten der USA bereiten sich auf den Feierabend vor. Doch an diesem 14. August 2003 sollte alles anders werden als sonst. Es begann mit einer lokalen Netzüberlastung nach einem Kurzschluss. Sie blieb aufgrund eines Softwarefehlers unbemerkt. Die Techniker hätten sonst mit ein paar Handgriffen die betroffenen Hochspannungsleitungen abschalten und die Energie umleiten können. Doch so setzte eine Kettenreaktion durch Überlastung ein. Immer mehr Generatoren und Transformatoren schalteten sich ab. Innerhalb weniger Minuten waren 265 Kraftwerke in acht Bundesstaaten betroffen. Fast 45 Millionen Menschen in den USA und 15 Millionen in Kanada bekamen keinen Strom.

Fahrstühle blieben stecken, Lichter und Verkehrsampeln gingen aus, Fabriken standen still. Die nackte Angst ging um. Bei den Älteren kamen Erinnerungen an den großen Stromausfall in New York 1977 hoch. Nur alleine 25 Stunden ohne Strom verwandelten „Big Apple“ in einen Kriegsschauplatz. Krawalle, Brandstiftungen und Plünderungen hinterließen ein Bild der Verwüstung. Menschen saßen verängstig und ohne Lebensmittel in den oberen Stockwerken ihrer Häuser fest. Die letzten Spuren des Stromausfalls 2003 waren erst nach zwei Tagen beseitigt.

Solche Szenarien sind zum Glück sehr selten. Aber das könnte sich ändern. Das amerikanische Stromnetz ist wahrscheinlich die größte vernetzte Maschine des Planeten. Rund 9.200 Stromerzeuger mit zusammen einer Millionen Megawatt Leistung speisen Elektrizität in eine Verteilerinfrastruktur mit 400.000 Meilen Hochspannungskabel. Doch große Teile der Intrastruktur sind 50 bis 80 Jahre alt. Das heutige Verbundnetz der USA, bestehend aus drei Teilnetzen, entstand nach dem zweiten Weltkrieg mit Technologien überwiegend aus den 60er und 70er Jahren. Dumm ist zudem: Gut 90 Prozent der Verteil-Infrastruktur entstanden, als es noch keine Computer gab. Viele Stromversorger bemerken einen Stromausfall erst, wenn Kunden anrufen und sich beschweren. Es existiert in weiten Teilen einfach keine automatisierte Netzüberwachung und es gibt keine Rückmeldung über Zustand und Auslastung.

Obwohl diese gigantische Maschinerie laut Department of Energy heute eine Zuverlässigkeit von 99,97 Prozent erreicht, errechnet das Energieministerium einen jährlichen Schaden von 150 Milliarden Dollar durch Stromausfälle. Kaum auszudenken was passiert, wenn die Zuverlässigkeit sinkt. Und alles spricht dafür, dass die Gefahr real ist. Fünf massive Stromausfälle die ganze Städte oder Landstriche stillgelegt haben zählte das Ministerium in den vergangenen 40 Jahren. Aber drei davon alleine in den letzten neun Jahren. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre lag die Zahl der „Blackouts“ mit mehr als 50.000 betroffenen Menschen um 41 Prozent über dem Wert der ersten Hälfte des Jahrzehnts. Die Ingenieursvereinigung ASCE meldet einen Anstieg die „signifikanten“ Blackouts von 76 in 2007 auf 307 in 2011. Laut Energieministerium und Statistiken der American Electric Reliability Corporation verzeichnet das amerikanische Stromnetz mehr Ausfälle pro Jahr als in jedem anderen Industrieland, meldet die IBtimes, die International Business Times.

Kommentare zu " Die verfallenden Staaten von Amerika – Teil 5: Kurzschluss im System"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @Ungläubig:

    > Die letzte verbliebene Supermacht… Der Kaiser ist nackt!

    Von den rund 400 Mio Menschen in den USA arbeiten etwa 8 Mio im High-Tech-Bereich. Dafür gibt es viele Gebiete dort, die 1000 km oder mehr von der nächsten wirklich großen Stadt entfernt sind - massenweise Platz für vieeeel Provinz.

    Meine Mutter besuchte mal privat ältere Leute in New Mexico. Typische Frage: "Wie weit habt ihr es bis nach Heidelberg?" - "Gut zwei Stunden." - "Dann seid ihr doch bestimmt öfter mal da?"

    Denen war überhaupt nicht beizubringen, dass wir einen ganzen Sack voll Burgruinen viel näher haben und Heidelberg gerne den Amis und Japanern überlassen.

  • Die letzte verbliebene Supermacht… Der Kaiser ist nackt!

  • Der Artikel kratzt nur ganz leicht an der Oberfläche: In weiten Grenzen kann man das US-amerikanische Stromnetz nur noch abreißen und durch was Vernünftiges ersetzen.

    Außerhalb der großen Siedlungszentren schwankt die Netzspannung im Lauf eines Tages leicht mal zwischen 90 und 130 V - irgendwelche Übergangszustände lassen wir mal ganz außen vor. Zum Vergleich: Bei uns schwankt die Netzspannung selten um mehr als ein paar Volt, was sich durch unsere höhere Netzspannung sowieso noch viel weniger auswirkt.

    Entsprechend sollte man dort keinen PC ohne Notstromversorgung betreiben. Deshalb gibt es diese Geräte auch bei uns für ein Spottgeld zu kaufen. Der Ersatzakku für eine 80-EUR-USV kostet alleine schon 20 EUR.

    Diese belastungsabhängigen Schwankungen sind auch ein Indiz für die Effizienz des Netzes.

    Zu jedem US-Krimi gehört eine Auto-Verfolgungsjagd. Regelmäßig kann man dort sehen, wie es in den USA überall entlang der Straßen aussieht: So ziemlich alle Versorgungs-Infrastruktur außer Wasser und Abwasser wird dort einfach an Masten neben der Straße aufgehängt. Kein Wunder, dass schon ein ganz normaler Sturm irgendwo Leitungen herunterreißt. Und wenn's mal ernsthaft schneit, sind schnell ganze Landkreise für Tage bis Wochen von der Stromversorgung abgeschnitten - selbst im Speckgürtel von Washington DC.

    Dazu kommen noch die Probleme durch die riesigen Entfernungen. Bei Drehstromsystemen gilt die Faustregel, dass man unter wirtschaftlichen Bedingungen etwa 1 km/kV weit kommt. Eine 380-kV-Leitung kann also halb Deutschland durchqueren. Ein flächendeckendes Gleichspannungs-Netz, um auch mal ein paar 1000 km zu überbrücken, gibt es meines Wissens in den USA nicht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%