„Dies ist ein Krieg gegen Pendler“
In London liegen die Nerven blank

Der Kampf gegen den Terror wird für die Bewohner von London nach den Todesschüssen gegen einen unschuldigen Terrorverdächtigen immer mehr auch zum Nervenkrieg. Die Polizei sieht jedoch keine Alternative zu ihrer Politik des gezielten Kopfschusses gegen potenzielle Attentäter.

HB LONDON. Nach den tödlichen Selbstmordanschlägen vom 7. Juli, den gescheiterten Bombenattentaten genau zwei Wochen später und eben den jüngsten tragischen Vorkommnissen in der U-Banhstation Stockwell leben die Menschen in der Millionenmetropole in ständiger Angst. Sonntagszeitungen beschrieben die Atmosphäre zutreffend als „gespannt und unwirklich“, von „Nervenkrieg“ und „Belagerungszustand“ war die Rede. Die Leute beschleicht das unheimliche Gefühl, in Bussen und U-Bahnen jederzeit Zielscheibe von Terroristen sein zu können. Und jetzt bekommen sie den Eindruck, vielleicht irrtümlich auch noch ins Fadenkreuz von Polizisten zu geraten.

„Dies ist eine Tragödie. Die Londoner Polizei übernimmt dafür die volle Verantwortung. Der Familie kann ich nur mein tiefes Bedauern aussprechen“, sagte Polizeichef Ian Blair im britischen Fernsehen, nachdem er einräumen musste, dass das Opfer der Erschießung entgegen ersten stellungnahmen der Polizei nichts mit den Terroranschlägen zu tun hatte. Zu gezielten Todesschüssen gebe es aber keine Alternative, wenn der Attentäter einen Sprengstoffgürtel am Körper trage. „Die einzige Möglichkeit ist ein Kopfschuss“, sagte der Scotland Yard-Chef, weil bei Brustschüssen eine Explosion ausgelöst werden könne. Er könne auch nicht ausschließen, dass weitere Menschen bei der Fahndung nach den verhinderten Selbstmordattentätern vom letzten Donnerstag erschossen werden könnten. Die Polizei wollte an diesem Montag mit einer internen Untersuchung des Vorfalls beginnen.

Die Polizei verhörte am Wochenende zwei Terrorverdächtige, die am Freitagabend beziehungsweise in der Nacht zum Samstag festgenommen worden waren. Ein dritter Terrorverdächtiger wurde nach Polizeiangaben vom Sonntag ebenfalls am Samstag festgenommen. Weitere Einzelheiten dazu gab es nicht.

„Dies ist ein Krieg gegen Pendler“, schreibt Frank Ferano, der Augenzeuge war, als Mitglieder der Antiterroreinheit SO19 von Scotland Yard den brasilianischen Elektriker Jean Charles de Menezes (27) im U-Bahnhof Stockwell mit fünf gezielten Kopfschüssen vor den Augen geschockter Fahrgäste niederstreckten. Tausende Emails besorgter Londoner gingen beim Rundfunksender BBC ein. Viele zeigen, dass es mit der Gelassenheit, für die die Menschen dieser Stadt bislang bekannt waren, nicht mehr weit her ist.

„Ich weiß, als jemand, der sein ganzes Leben in London verbracht hat, sollte ich nicht so sprechen, aber mir graut es“, schreibt Steve Mitchell (32). „Ich kann diese Atmosphäre von Furcht und Unsicherheit, die jetzt in den Adern meiner Stadt pulsiert, einfach nicht fassen.“ Die Attentäter hätten ihr Ziel erreicht, London dauerhaft in Angst und Schrecken zu versetzen.

Alle Appelle von Premierminister Tony Blair und seinem Namensvetter, dem Scotland Yard-Chef, den normalen Alltag weiterzuleben, fruchten bei vielen nicht mehr. „Die Zeit der unbewaffneten Bobbys ist vorbei“, beschrieb die „Mail On Sunday“ die Sicherheitssituation. Stattdessen sind nach den Anschlägen nun hunderte mit Pistolen bewaffnete Polizisten in Zivil in den U-Bahnen und auf Bahnhöfen mit der Maßgabe unterwegs, Selbstmordattentäter nicht kampfunfähig zu machen, sondern notfalls sofort zu töten. Das Risiko, dabei einen Unschuldigen zu treffen, ist nicht auszuschließen, wie die tödlichen Schüsse vom Freitag zeigen.

Die Verantwortlichen stehen in der Kritik, doch haben sie ihre Gründe, ihre Strategie der harten Hand zu verteidigen. Der frühere Polizeichef Lord Stevens schrieb in der Sonntagszeitung „News Of The World“: „Wir leben in einer Zeit des Bösen und befinden uns im Krieg mit einem Feind von unaussprechlicher Brutalität.“ Deshalb bestehe für ihn trotz aller Risiken kein Zweifel: „Es gibt nur einen sicheren Weg, um einen Selbstmordattentäter an der Tat zu hindern - zerstöre sein Gehirn auf der Stelle.“

Auch der ansonsten für seine sehr liberalen Ansichten bekannte Londoner Bürgermeister Ken Livingston verteidigte den Ansatz der gezielten Todesschüsse bei Terroristen auch im Fall des unschuldig ums Leben gekommenen Mannes: „Die Polizei handelte im Glauben, das Notwendige zum Schutz der Menschenleben zu unternehmen. Diese Tragödie hat ein weiteres Opfer auf die Totenliste gesetzt, für die die Terroristen die Verantwortung tragen.“

Besorgte Bürger und Menschenrechtler forderten dennoch eine Überprüfung der Polizeipolitik. Alles bestimmend aber bleibt für viele die Angst, die sie derzeit stets und ständig auf allen Wegen durch London begleitet. „Dies sind für zahlreiche Menschen die aufreibendsten Tage ihres Lebens, und es gibt keine Garantie, dass die Furcht nicht noch zunimmt“, hieß es in einem Kommentar der Sonntagszeitung „The Observer“ unter dem Hinweis darauf, dass jetzt auch „unsere Beschützer Blut an den Händen haben“.

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