Diplomatischer Eklat
Wie Iran Merkel 1,5 Stunden Schlaf extra beschert

Der Iran verweigerte Angela Merkels Airbus auf dem Weg nach Indien zunächst den Überflug. Die Kerosinvorräte der Maschine wurden langsam knapp. Die Bundesregierung prüft jetzt diplomatische Konsequenzen.
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Neu DelhiDass etwas nicht stimmen konnte, zeigte sich nach gut vier Stunden Nachtflug um 1.40 Uhr. Die meisten der 175 Delegationsmitglieder im neuen Regierungsflugzeug der Bundeskanzlerin  schliefen, als sich auf den Bildschirmen in der Kabine auf einmal die Reiseroute veränderte. Anstatt den geplanten Weg auf der 5765 Kilometer langen Strecke von Berlin nach Neu-Delhi weiter geradeaus fortzusetzen, bog der Airbus 340 kurz nach Erreichen des iranischen Luftraums auf einmal in Richtung Süden ab. Dann drehte das Flugzeug wieder Richtung Norden und begann, Schleifen zu ziehen. Schließlich drehte der German-Airforce-Flug 901 wieder um und flog zurück in Richtung Türkei.

Der Grund: Die iranische Luftraumüberwachung hatte dem Flugzeug der Bundeskanzlerin den Überflug verweigert. Die erforderlichen Rechte seien nicht eingeholt worden, so die per Funk gegebene Begründung. Dabei war  kurz zuvor eine andere deutsche Regierungsmaschine mit einem halben Dutzend Bundesministern auf dem Weg nach Indien noch anstandslos über den Iran hinweggeflogen. Doch alles protestieren half nicht: Merkels Airbus musste umdrehen und zurück in den türkischen Luftraum fliegen.  

Dort drehte die „Konrad Adenauer“ Schleife um Schleife. Als sich die Funk-Verhandlungen mit den iranischen Stellen immer mehr in die Länge zogen, wurde schließlich der außenpolitische Berater der Kanzlerin, Christoph Heusgen geweckt. Auch in Berlin wurde die neue Staatssekretärin Emily Haber aus dem Schlaf gerissen, ebenso der deutsche Botschafter in Teheran. Nach über eineinhalb Stunden Hin- und Her auf verschiedensten Ebenen kam endlich die Genehmigung: Merkel durfte ihre Reise nach Indien fortsetzen – und dabei doch den Iran überfliegen.

Länger hätte der Zwischenfall nicht dauern dürfen, weil sonst das Kerosin knapp geworden wäre. Dann hätte der Regierungsflieger in Ankara landen und tanken müssen, was den ohnehin knapp bemessenen Aufenthalt der Kanzlerin in Indien noch einmal verkürzt hätte. Merkel landete schließlich mit 1,5 Stunden Verspätung in der indischen Hauptstadt und verzichtete auf die Begegnung mit dem Premierminister Manmohan Singh. Ärgerlich, aber verschmerzbar, da auch noch ein Abendessen geplant war.

„So etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt“, wunderte sich eine der lang gedienten Stewardessen der Luftwaffe. Regierungssprecher Steffen Seibert schüttelte nach dem nächtlichen diplomatischen Eklat in der Luft ebenfalls den Kopf. „Unverständlich“ sei die Reaktion des Iran gewesen. Natürlich hätten alle Fluggenehmigungen vorgelegen.

Ob die Bundesregierung eine Protestnote versendet oder den iranischen Botschafter in Berlin einbestellt, ist noch offen. Ein Nachspiel werde diese „ärgerliche Sache“ sicher haben, schätzt ein mitreisender Diplomat. Regierungssprecher Seibert bemühte sich um Gelassenheit. „Die Kanzlerin hatte dadurch 1,5 Stunden mehr Schlaf.“ Merkel selbst versuchte es ebenfalls mit Humor: „Ich hatte mich schon gewundert, warum mich heute morgen zur vereinbarten Zeit niemand geweckt hat“.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter

Kommentare zu " Diplomatischer Eklat: Wie Iran Merkel 1,5 Stunden Schlaf extra beschert"

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  • Wenn man bedenkt, welche Sanktionen und Schikanen die deutsche Regierung und die EU gegenüber dem Iran gestartet haben, wundert es mich dass überhaupt noch eine Überfluggenehmigung erteilt wurde. Vermutlich wissen die Iraner, dass die meisten europäischen Regierungen nur traurige Hampelmänner der US-Politik sind und haben wohl deshalb ein Auge zugedrückt. Wenn ich an das alte Sprichwort "wie du mir so ich dir" denke, dann ist dieser Vorfall an Lächerlichkeit kaum zu überbieten.

  • Kindereien...das iranische Argument ist sicherlich: "Die haben Angefangen" während wir hier bestimmt ein viel Besseres haben: "Stimmt doch garnicht"

    Ärgerlich ist es, ich hoffe nur, dass daraus keine zu große Sache gemacht wird...

  • Zitat-Text unter Bild:
    " Sichere Landung in Indien: Kanzlerin Merkel begrüßt Premierminister Manmohan Singh."
    Zitat-Textauszug s. vierter Absatz:
    "Merkel landete schließlich mit 1,5 Stunden Verspätung in der indischen Hauptstadt und verzichtete auf die Begegnung mit dem Premierminister Manmohan Singh.

    Hat jetzt die Begegnung mit dem Premier stattgefunden oder nicht?
    Danke für eine korrekte Info!
    mfg
    Rolf

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