Diskussion um EU-Übersetzungen
Herrn Orbans bittere Pille

Deutsch gerät in der Europäischen Union als Amtssprache ins Abseits. Leonard Orban, der neue EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit, will Übersetzungskosten sparen. Der Bundestag ist aufgeschreckt, die deutsche Wirtschaft besorgt. Eigentlich wollte man in Brüssel eine Deutsch-Offensive starten.

BERLIN. Seit Monaten schießen sich die Politiker in Berlin auf ein Thema ein: Deutsch soll als Sprache wieder mehr Bedeutung in der Europäischen Union erhalten. Schließlich ist Deutsch die meistgesprochene Muttersprache in der EU. Doch jetzt hat der neue EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, in Berlin lange Gesichter hinterlassen. Denn der Mann aus Rumänien war in seinen Gesprächen überaus deutlich: Statt der Deutsch-Offensive in der EU droht aus Kostengründen der schrittweise Rückzug. In Berlin schrillen die Alarmglocken.

Vor allem der Bundestag – in dem gute Sprachkenntnisse nicht gerade weit verbreitet sind – ist aufgeschreckt. Denn er will über sein neues Verbindungsbüro in Brüssel stärker mitmischen. Doch die Parlamentarier stellen nun fest, dass viele Texte nur auf Englisch oder Französisch zu haben sind. „Für die Arbeit der Abgeordneten ist dabei die vollständige und rechtzeitige Übersetzung aller wichtigen EU-Dokumente ins Deutsche von hoher Bedeutung“, hat jetzt auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in einem dem Handelsblatt vorliegenden Brief an den EU-Kommissar gemahnt.

Und weil Deutschland immerhin rund ein Fünftel der 1,1 Mrd. Euro beisteuert, den der Sprachendienst in Brüssel jährlich kostet, ist auch die Regierung mittlerweile sehr hart. „Es erscheint fragwürdig, dass die Kommission die Entscheidung über die Übersetzung eines Dokuments schematisch allein auf Grund rein formaler Kriterien trifft, ohne die politische Bedeutung der Papiere in Betracht zu ziehen“, kritisiert Steinmeier. Sauer aufgestoßen ist in Berlin etwa, dass politisch sensible Texte wie Fortschritts- und Monitoringberichte bei EU-Erweiterungen oder Papiere zur Politikfolgenabschätzung fast nur noch auf Englisch zu haben sind. Dabei gelten Englisch, Französisch und Deutsch auf dem Papier als gleichberechtigte Amtssprachen in der EU-Kommission.

Kritik kommt auch aus der Wirtschaft. „Es ist ein großes Problem, wenn Rechtstexte oder die Beschreibung technischer Standards nur noch auf Englisch vorliegen“, sagt Bernhard Dittmann, BDI-Repräsentant in Brüssel. Orban konterte dagegen in Berlin: Wenn die Staats- und Regierungschef die Zahl der Amtssprachen in der EU mal eben auf 23 ausdehnen, aber den Etat des Sprachendienstes nicht anheben, müsse eben gespart werden. „Es kann nicht mehr alles in alle Sprachen übersetzt werden“, sagte der Rumäne. Und Deutsch stehe immerhin noch gut da, weil pro Jahr 180 000 Seiten ins Englische, 160 000 ins Französische, 140 000 ins Deutsche übersetzt werden – aber nur rund 40 000 in andere Sprachen. Im Übrigen klagten auch Spanier und Italiener.

Kein Argument, kontern Bundesregierung und Bundestag. Drei Viertel der Eingaben werden in Brüssel bereits auf Englisch vorgelegt, nur rund drei Prozent auf Deutsch – deshalb ergibt sich ein gigantisches Übergewicht des Englischen. Dies gelte auch für EU-Internetseiten. „Ich möchte Sie daher auch bitten, sich innerhalb der Kommission für eine deutliche Ausweitung des deutschsprachigen Internetangebots einzusetzen“, drängt Steinmeier.

Die Gespräche in Berlin brachten dennoch keine Klärung, Orban fehlt das Geld. Immerhin soll diese Woche weiter verhandelt werden. Und der EU-Kommissar will 2008 eine Strategie für Mehrsprachigkeit vorlegen. Neben verstärktem Fremdsprachenunterricht setzt er auch auf automatische Übersetzungsprogramme.

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