DIW-Ökonom Belke
„Auch die Fed kann bankrott gehen“

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Das heißt?

Für die globale Entwicklung gilt, dass unbedingt vermieden werden muss, dass sich die Ratings der Industrieländer schleichend verschlechtern. Denn der Effekt ist selbstverstärkend, da dann die Kreditzinsen für die betroffenen Länder steigen und das Wirtschaftswachstum zurückgeht. Ein weiteres Beispiel ist die Bedeutung Frankreichs für den Euro-Rettungsfonds EFSF: Sollte sich das Rating Frankreichs auf AA verschlechtern, tritt dieses Land entweder aus Furcht vor Reputationsverlust nicht aus dem EFSF aus. Dann verschlechtern sich aber die Finanzierungsbedingungen für den EFSF insgesamt.

Oder Frankreich tritt als Geberland aus, dann werden die anderen Länder anteilsmäßig stärker belastet, aber der Schirm sinkt vom Volumen her als Ganzes. Beides lässt die Märkte zunehmend an der Nachhaltigkeit der Euro-Zone zweifeln. Selbstverstärkung wird von Märkten antizipiert, Aktienkurse fallen, was den Prozess beschleunigt.

Wohin kann das letztlich führen?

Alle Effekte verstärken sich wechselseitig weltweit über den Handelskanal und den Finanzmarktkanal. Die Folgen für Finanzmärkte insgesamt sind schwer abzuschätzen. Möglich ist, dass sich in der Folge Ratings von Hypothekenfinanzierern und Pensionskassen als Halter von wegen der Schuldenkrise zunehmend zweifelhaften Staatsanleihen verschlechtern. Gibt es wie bisher zuverlässige Bailouts von Schuldenstaaten, sind auch die Halter von CDS betroffen. Denn wenn staatliche Insolvenzen entfallen, hätte man sich ja unnötig versichert. Vor allem aber verschlechtern sich die Ratings von Banken, die auf derartigen Anleihen sitzen, etwa griechische Banken auf Griechen-Anleihen.

Welches Szenario wäre noch denkbar?

Der Lehrbuchfall über den Banken- und den Vermögenspreiskanal: Die Schuldenkrise wirkt sich negativ auf Wirtschaftswachstum aus. Kommt es wie zuletzt zu Zweifeln an der Solidität der Banken, dann wird der ganze Prozess nichtlinear und immer weniger beherrschbar. Dann bekommen wir ein Lehman-Szenario. Das wirkt dann umso schwerer, da große Schwellenländer gegenwärtig ihr Wachstum etwas abschwächen, um Überhitzungserscheinungen entgegen zu wirken. Summa summarum: die Gefahr einer Stagflation wächst durch die Schuldenkrise.

Was kann die Politik tun?

Die Märkte mit uneingeschränkten Anleihekäufen geldpolitisch zu fluten zerstört das noch gebliebene Vertrauen in die Notenbanken. Gerade dies führt zu nachhaltigen Verwerfungen auf den Finanzmärkten. Nationale 'Schuldengrenzen - diese sind in der Euro-Zone wegen der aktiven Mitwirkung nationaler Parlamente demokratisch stärker legitimierbar als eine Abgabe der Haushaltsautonomie an übergeordnete Instanzen - und ein striktes Festhalten an wettbewerbsfähigkeitssteigernden Reformen - die USA wollen ja ihr Modell der Leistungsbilanzdefizite verlassen - sind das Mittel der Wahl.

Ansgar Belke ist Forschungsdirektor des DIW für Weltwirtschaft und Konjunktur und Direktor des Instituts für Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft (IBES) an der Universität Duisburg-Essen. Gemeinsam mit dem Deutschland-Chefvolkswirt von Barclays Capital hat er eine Studie zur Rolle der EZB in der Schuldenkrise veröffentlicht.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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  • Im Krisensommer 2011 offenbart sich der desaströse Zustand unserer Demokratien. Eine übermächtige Finanzwirtschaft führt Politik und Eliten vor.
    Seit dem Crash von 2008 wissen wir, dass nichts so irrational, gefährlich und unproduktiv ist wie das Meuteverhalten der Finanzakteure, die keinem anderen als dem eigenen Nutzen folgen…
    Jeder Staat meinte, „seine“ Wirtschaft optimal in Stellung bringen zu müssen, indem Kosten gesenkt, Verpflichtungen gelöst und außerdem sagenhaft viel Geld verdient werden konnte.
    Dieser neue Kapitalismus hat die Ideale und Stärken der Demokratien in einem Maß untergraben, wie kein äußerer Feind es gekonnt hätte. Die „Märkte“ sind zur Parallelgesellschaft des 21. Jahrhunderts geworden. Sie können jenseits der für alle anderen gültigen Maßstäbe von Haftung und Verantwortung handeln…
    Die Demokratien haben sich vom neuen Finanzkapitalismus ihr Selbstbewusstsein abkaufen lassen. Der Aufstieg der Demokratie war nicht möglich ohne die soziale und rechtliche Zivilisierung des Kapitalismus, ohne die Zurücksetzung der Macht der ökonomisch Stärkeren. Die alternden Demokratien kapitulieren vor ihr.
    Erst die Deregulierungseuphorie demokratischer Regierungen hat den sagenhaften Aufstieg der Finanzoligarchie möglich gemacht, und die Nebenwirkung trat sofort ein – die abrupt sinkende Fähigkeit zur politischen Selbstkorrektur. Noch eindrucksvoller als die Liste des zahlreichen Finanzcrashs ist die Unfähigkeit, daraus Konsequenzen zu ziehen…

  • warum alles so "negativ"... es ist doch schön, dass auch mal die "unfehlbaren" mächtigen Länder merken wie es ist, wenn man mit immer "enger-gesetzten" Parametern "gerated" wird und einem dadurch die Luft abgeschnürt wird (wie es bei vielen deutschen mittelständischen Betrieben passiert ist).... evtl. hilft das ganze ja - dass die Leute alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und wieder eine "vernünftige" Finanzpolitik betreiben (was auch die letzte Hoffnung ist). Das Problem an der Sache ist nur, dass alles Geld welches die Länder jetzt auf den Markt schmeissen, innerhalb kürzester Zeit verpufft und in den Händen von einigen wenigen Grosskapitalisten, hedge-Fonds, Investoren und Banken liegt....

  • Einer so objektiven Quelle wie diesem Weltungergangsblog kann ich natürlich nichts mehr entgegensetzen.

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