Dmitri Medwedew
Nachfolger von Putins Gnaden

Noch will Dmitri Medwedew nicht bestätigen, womit in Moskau die meisten Beobachter rechnen: Dass der Erste Vizepremier in den Ring um die Präsidentschaft steigen wird. Gewählt werden soll der neue erste Mann im Staat erst im März 2008. Doch mit fortschreitender Zeit wächst nicht nur die Zahl derer, die bereits ihre Kandidatur erklärt haben.

MOSKAU. Der Kandidat in spe lächelt nonchalant: Wenn er sich ständig Gedanken darüber machen würde, was nächstes Jahr sei, dann könnte er seine Arbeit nicht mehr erledigen, erklärt Dmitri Medwedew freundlich. Seit dem vergangenen Herbst lädt Russlands Erster Vizepremier internationale Pressevertreter regelmäßig zu „Hintergrundgesprächen“. Und trotz aller Ausflüchte Medwedews zum Thema Präsidentschaftskandidatur drängt sich der Eindruck auf, dass das Treffen mit den Medien auch dem Zweck dient, das Profil eines Anwärters auf den Chefsessel im Kreml zu schärfen und diesem Gelegenheit zu geben, Erfahrungen mit der internationalen Presse zu machen.

Dabei braucht Medwedew, der auch dem Aufsichtsrat von Gazprom vorsteht, eigentlich kein Pressetraining mehr. In der Hintergrundrunde beantwortet er kritische Fragen geschickt, er macht Scherze und ist jungenhaft locker.

Gewählt werden soll der neue Präsident zwar erst im März 2008. Mit fortschreitender Zeit wächst nicht nur die Zahl der Kandidaten – es schießen auch Gerüchte ins Kraut: Vor allem solche, nach denen Putin trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und verfassungsrechtlichen Hindernisse einfach weitermachen wird. Die Zeitung „Nowaja Gaseta“ hat bereits eine Arbeitsgruppe im Kreml entdeckt, die an einer Verfassungsänderung arbeiten soll. Andere vermuten, der Kreml werde die bisher vierjährige Amtszeit des Präsidenten auf sieben Jahre verlängern – die Wahlen könnten dann einfach verschoben werden. Putin selbst hatte sich für eine längere Regierungszeit ausgesprochen. Doch ein hochrangiger Kreml-Beamter will davon nichts wissen: Putin werde abtreten und nur eine „Empfehlung“ an das Wahlvolk abgeben, mehr nicht. Diese dürfte dann aber bei seinen nach wie vor hohen Umfragewerten einer Vorentscheidung gleichkommen.

Wann die Kreml-Kandidaten endlich Farbe bekennen, bleibt weiter im Dunklen: Die Ereignisse dürften sich aber im September und Oktober „beschleunigen“ orakelt der Beamte. Präsidentenberater Igor Schuwalow heizte kürzlich auf einer USA-Reise die Spekulationen an, als er erklärte, dass zum Jahresende eine dritte Figur erscheinen könne. Neben Medwedew und Iwanow nennen russische Medien immer wieder die Petersburger Bürgermeisterin Walentina Matwijenko und den Chef der russischen Eisenbahn, Wladimir Jakunin, der als enger Vertrauter Putins gilt und diesen auffallend oft auf Auslandsreisen begleitet. Im Gespräch ist auch ein weiteres Kabinettsmitglied: Sergej Narischkin, der sich jetzt in der Korruptionsbekämpfung hervortut – Umfragen zufolge Russlands Problem Nummer eins.

Der Eiertanz um die Kandidatur und die Frage nach Putins zukünftiger Rolle im Staat hat nach Einschätzung von Experten vor allem einen Grund: den mangelnden Rückhalt des Regimes als Ganzes. Während die Russen der Person Putins konstant ein überdurchschnittlich hohes Vertrauen entgegenbringen, rangieren der Staat, den er in den vergangenen sieben Jahren gestaltet hat, und die von ihm installierte Regierung ganz unten auf der Skala. „Verlässt die Person Putin die Bühne oder verbraucht sich ihre Anziehungskraft, dann büßt das politische System seine geborgte Legitimität ein“, sagt Hans-Henning Schröder von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Trotz aller Angriffsflächen kann sich das Putin-Regime aber sicher sein: Auch bei den kommenden Wahlen dürfte sich die drangsalierte und in den Massenmedien totgeschwiegene Opposition auf keinen gemeinsamen Kandidaten verständigen: Kommunisten-Chef Gennadij Sjuganow wird es noch einmal versuchen. Im Bündnis „Das andere Russland“, knirscht es zwischen den beteiligten Gruppen – dazu zählen National-Konservative wie die linksextremen Nationalbolschewisten. Michail Kasjanow, früherer Ministerpräsident und neben Garri Kasparow einer der Frontmänner des Bündnisses, hat seine Kandidatur angekündigt, hinzu kommt der Ex-Zentralbankchef Wiktor Geratschenko. Echte Chancen dürften beide aber selbst bei offenen Wahlen kaum haben.

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