Dmitrij Medwedjew
Der nette Technokrat

Dmitrij Medwedjew wird Russlands neuer Präsident werden. Nach einem inszenierten Wahlkampf gegen drei Zählkandidaten ohne öffentliche Debatte bleibt am heutigen Sonntag nur die Frage, wie hoch das Ergebnis ausfällt. Wladimir Putin verfolgt mit ihm einem klaren Plan.

MOSKAU. Die „Operation Nachfolge“ verläuft reibungslos: Präsident Wladimir Putin hebt den Vizepremier auf den Schild, dieser bietet ihm im Gegenzug das Amt des Premiers an. Auf seiner medienwirksamen Reise quer durch das Land sammelte Medwedjew in der Bevölkerung sogar ein paar echte Pluspunkte, doch vielen ist die Wahl schlicht gleichgültig.

Beim Amtsantritt im Mai erwartet den 42-Jährigen im Kreml dennoch kein leichter Start. Mit seinem Vorgänger verbindet ihn zwar ein enges Verhältnis. Ob die zur Schau getragene Einigkeit in der Praxis aber Bestand haben wird, ist nicht sicher.

Noch nie hat es in Russlands Geschichte den Versuch eines Rollentauschs an der Spitze gegeben, bei der ein selbstbewusster und einflussreicher politischer Führer in die zweite Reihe tritt und das mächtigste Amt seinem Adlatus überlässt. Putin hat seinen Nachfolger zwar mit langfristigen Entwicklungsvorhaben und Etatvorgaben in ein enges Korsett gepresst. Doch ob der sich mittelfristig mit der Rolle eines Erfüllungsgehilfen begnügen wird, bleibt offen.

Lange arbeiten die Beiden zusammen – doch bislang war Putin der Koch, Medwedjew der Kellner. Beide waren in Petersburg Studenten des Jura-Professors Anatolij Sobtschak, beide dienten ihm in dessen Zeit als Bürgermeister der Ostsee-Metropole. Putin war als Vizebürgermeister für Auslandsbeziehungen und Investitionen zuständig; Medwedjew war Leiter des Rechtsdezernats.

Damals formt sich das Verhältnis der beiden, das aber nicht immer von einer klaren Abhängigkeit des jüngeren zum älteren geprägt ist: Es ist unter anderem der Rechtsberater Medwedjew, der Putin aus einem Skandal um die freigiebige Genehmigung von Export-Lizenzen heraushält. Für Medwedjew folgt nach Sobtschaks Wahlniederlage das Dozentendasein, bis Putin seinen einstigen Helfer an die Moskwa holt: erst als Chef der Kremladministration, dann als Aufsichtsratschef bei Gazprom, Vizepremier. Und jetzt Präsident.

In Russlands informellem Herrschaftssystem zählen Netzwerke. Medwedjew, dem Weggefährten neben Intelligenz auch Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit hinter einer netten Fassade zuschreiben, hat in den acht Jahren im Zentrum der Macht bereits eigene Netze gewoben. Ein besonders enges Verhältnis pflegt er zu einer Reihe ehemaliger Kommilitonen, von denen er Einigen bedeutende Positionen in Justiz und Industrie verschafft hat. Zum Beispiel seinem Jahrgangsfreund Konstantin Tschuijtschenko: Der sitzt im Management von Rosukrenergo, dem dubiosen Zwischenhändler, der den Gasexport über die Ukraine kontrolliert. Gerüchten zufolge könnte er bald zum Gazprom-Chef aufrücken.

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